Eine krumme Geschichte: Die Süntelbuchen in NRW

<div>Alles außer gerade: Das sind die Äste der Süntelbuchen, einer extravaganten Rotbuchenart, die überwiegend in Nordrhein-Westfalen vorkommt. Ein besonders schönes Exemplar steht in Steinfeld.<br><br></div><h3>Botanische Seltenheit</h3><div>„Da wächst so ein Ast ein paar Meter lang zielbewusst nach Westen, dann fällt ihm ein, das könnte doch ein Irrtum sein, und er biegt rasch entschlossen im rechten Winkel um nach Süden. Und nach noch nicht mal einem halben Meter kommt ihm eine neue Laune, und wieder biegt er im rechten Winkel ab, vielleicht nach Osten zurück.“ Mit diesen Worten wurde ein eigenwilliges Gewächs in den „Mitteilungen der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft“ 1911 beschrieben: die Süntelbuche. Schon damals galt die Rotbuchenart als Rarität und wurde für ihren charakteristisch verdrehten, niederen Wuchs bewundert. Bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es in Nordrhein-Westfalen große Waldflächen mit Süntelbuchen. Weil die verschlungenen und miteinander verwachsenen Äste aber weder zur Möbelherstellung noch als Brennholz taugen, fielen die Wälder wirtschaftlichen Aspekten zum Opfer, und nur einzelne Exemplare blieben stehen.<br><br></div><h3>Naturdenkmal in Steinfeld</h3><div>Eine davon ist die Süntelbuche bei Steinfeld im Naturschutzgebiet Seidenbachtal/Froschberg. Sie wurde um 1810 auf einem Hügelgrab gepflanzt und hat heute einen Stammumfang von etwa 2,60 Metern. Mit ihren langen Ästen, die sich wie ein großer Schirm über den Boden spannen, ist sie als Treffpunkt für verliebte Paare genauso beliebt wie als Ausflugsziel für Wanderer. Für die <a href="https://mobil.deutschebahn.com/mobil-magazin-download">September-Ausgabe 2016 von DB MOBIL</a>&nbsp;haben Pater Paul und Schwester Ilona aus dem nahen Kloster Steinfeld unter der Süntelbuche Platz genommen. Vom nahen&nbsp;<a href="https://mobil.deutschebahn.com/region/west/rheinland/blankenheim">Blankenheim</a>&nbsp;aus, einem pittoresken Fachwerkstädtchen an der Quelle der Ahr, ist das Naturdenkmal auf mehreren Wanderwegen zu erreichen. Besonders schön wird der Baum im Frühsommer in Szene gesetzt. Dann blühen zahlreiche Orchideen, und eine Vielfalt an Schmetterlingen flattert über die bunten Wiesen. 60 Arten teils seltener Falter wurden in dem Naturschutzgebiet nachgewiesen.<br><br></div><h3>Wie Süntelbuchen entstehen</h3><div>Ihren Namen haben die eigentümlichen Bäume vom Höhenzug Süntel im Weserbergland. Dort sollen sie nicht nur massenhaft vorgekommen, sondern der Sage nach auch entstanden sein: Ein Riese sei auf dem Dachtelfeld, einer Hochebene im Süntel, ums Leben gekommen und vom Erdboden verschluckt worden. Aus seinem Herzen sei die erste Süntelbuche gesprossen. Eine Zeit lang dachte man, dass jede im Süntel gepflanzte Buche die verdrehte Wuchsform haben würde. Auch dunkle Kräfte wurden hinter der knorrigen Gestalt vermutet, weshalb sie als „Hexenholz“ oder „Teufelsbuche“ bekannt war.</div><div>&nbsp;</div><div>Keine mystischen Mächte, sondern ein Gen-Defekt im Saatgut ist verantwortlich für die verdrehten Äste, die mehr in die Breite als in die Höhe wachsen. Nicht selten erreichen sie sogar den Boden und schlagen dort wieder Wurzeln. Aus statischer Sicht ist die Form des Baumes ungünstig, weshalb Süntelbuchen selten das Alter ihrer gerade gewachsenen Artgenossen erreichen. Im Durchschnitt kommen sie über 120 bis 160 Jahre nicht hinaus, während eine Rotbuche 300 Jahre alt werden kann. Weil die Süntelbuchen nur vereinzelt stehen, gibt es keine natürliche Vermehrung mehr. Ehrenamtliche Hobbybotaniker vom&nbsp;<a href="http://www.suentelbuche.info/">Verein „Freundeskreis der Süntelbuchen“</a>&nbsp;bewahren deshalb in einem Arboretum bei Nettelrede die Pflanze vor dem Aussterben.<br><br></div><h3>Sehenswürdigkeit Süntelbuche</h3><div>Die&nbsp;<a href="https://mobil.deutschebahn.com/region/ost/thueringer-wald/suentelbuchenallee-bad-nenndorf">Süntelbuchenallee im Kurpark von Bad Nenndorf</a>&nbsp;gilt heute als größte Ansammlung der Bäume deutschlandweit. Im Jahr 1934 gepflanzt, ist sie einer der touristischen Anziehungspunkte der Stadt. Wer von hier aus in Richtung&nbsp;<a href="https://mobil.deutschebahn.com/region/nord/weserbergland/bad-muender">Bad Münder</a>&nbsp;fährt, entdeckt im „Tal der Süntelbuchen“ ebenfalls mehrere Exemplare. Sogar Ostsee-Urlauber können die botanische Besonderheit bewundern: Einige Bäume stehen in der&nbsp;<a href="https://mobil.deutschebahn.com/region/nord/ostseekueste/ruegen-3934f54b-9ba0-4ca4-9399-1cf21ecda96b">Semper Heide bei Lietzow auf Rügen</a>.</div>