Garten des Gedenkens, Marburg an der Lahn

<div>Die Sonne genießen, Pause machen, sich unterhalten – ausgerechnet dort, wo die Nazis 1938 brutal eine Synagoge zerstört haben? Der „Garten des Gedenkens“ in Marburg ist ein gelungener Ort der Erinnerung, der zum Verweilen, aber auch zur Auseinandersetzung mit der Geschichte einlädt.</div><h2>Erinnerung an Gebete und Zerstörung</h2><div>„Ohne diese dunkle Vergangenheit wäre Deutschland nicht das, was es ist – und ich somit vermutlich auch nicht, wie ich heute bin.“ Diese Worte einer Schülerin waren ein Jahr lang im „<a href="https://mobil.deutschebahn.com/region/west/hessisches-bergland/garten-des-gedenkens-in-marburg-an-der-lahn">Garten des Gedenkens“</a>&nbsp;in der hessischen&nbsp;<a href="https://mobil.deutschebahn.com/region/west/hessisches-bergland/marburglahn">Stadt Marburg</a>&nbsp;zu lesen. Das Zitat des jungen Mädchens bezieht ganz Deutschland mit ein, aber zum Ort seiner Veröffentlichung passt es besonders gut. Denn dort, wo heute ein niedriges Betongebilde eine Rasenfläche säumt und im Sommer rote Rosen blühen, stand von 1896 bis 1938 die jüdische Synagoge von Marburg. Sie wurde in der Reichspogromnacht völlig zerstört.&nbsp;<br><br>Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs litt die Fläche zwischen der alten Stadtmauer und der vierspurigen Universitätsstraße viele Jahre unter öffentlicher Nichtbeachtung. Erst 2009 rief die Stadt zu einem Wettbewerb auf, der die Neugestaltung des Geländes zum Ziel hatte. Es gewannen die Düsseldorfer Landschaftsarchitekten scape mit einem Entwurf, der den Grundriss der alten Synagoge aufgriff: Die von einem breiten Betonviereck eingegrenzte Grünfläche hat genau die Ausmaße des ehemaligen Betsaals. Eine Glasscheibe im Boden ermöglicht den Blick auf die bei Ausgrabungen entdeckte Mikwe, ein für rituelle Waschungen verwendetes Bad. Rundherum blühen im Sommer auf großen Beeten Rosen. Sie waren die einzigen Blumen, die im Stadtgebiet des antiken Jerusalem gepflanzt werden durften. Auch das Basaltpflaster des Fußwegs, der zum „Garten des Gedenkens“ führt, wurde nicht zufällig ausgewählt: Bei den Ausgrabungen, die der Neugestaltung des Platzes vorausgingen, wurde die Südfassade freigelegt, die aus dem basaltähnlichen Lungstein bestand. Ein Tastmodell für blinde und sehbehinderte Menschen sowie ein Bild der Synagoge auf einer Glasscheibe ergänzen die Mischung aus Erholungsfläche und Gedenkstätte.&nbsp;</div><h2>Denkanstoß im Zettelkasten</h2><div>Zentrales Element aber ist die Rasenfläche in der Mitte des Areals. Neben einer Linde und einem steinernen Denkmal aus dem Jahr 1963 erregen zehn in den Boden eingelassene Glasboxen die Aufmerksamkeit der Besucher. In ihnen liegen kurze Denkanstöße: mal Zitate von Zeitzeugen aus Marburg, mal Aussagen historischer Größen wie Hannah Arendt oder Albert Einstein, mal persönliche Texte von Jugendlichen wie der anfangs erwähnte. Die sogenannten&nbsp;<a href="http://www.zettelkasten-marburg.de/?page_id=118&amp;lang=DE">Zettelkästen</a>&nbsp;waren eine Idee der Künstler Oliver Gahter und Christian Ahlborn. Jedes Jahr werden die zehn Kurztexte von einer anderen Gruppe ausgewählt. So haben neben den Schülerinnen der Marburger Elisabethschule auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde Marburg und Studenten des katholisch-theologischen Seminars der Universität die Zettelkästen befüllt. Ab November 2016 werden die Texte anlässlich des bevorstehenden Luther-Gedenkjahres unter dem Motto „Luther, Kirche und Antisemitismus“ stehen. Anstatt ein in Stein gemeißeltes oder in Bronze gegossenes, statisches Denkmal zu setzen, haben die Künstler damit ein Werk geschaffen, das einen Diskurs über den Platz und seine Vergangenheit ermöglicht.<br><br>Einen „würdigen Ort des Gedenkens und Erinnerns (...) und zugleich einen lebendigen Ort der Begegnung mitten in der Stadt“ wolle man mit dem „Garten des Gedenkens“ schaffen, sagte der damalige Oberbürgermeister von Marburg, Egon Vaupel, bei der Eröffnungsfeier im November 2012. Studenten, die auf dem Rasen sitzen und sich im Schatten der Linde unterhalten; Touristen, die nachdenklich die Zitate in den Zettelkästen lesen; und Passanten, die sich auf der Tafel, die gleich neben der Bushaltestelle aufgestellt ist, über das Areal informieren, zeugen davon, dass die Initiatoren dieses Ziel erreicht haben. Außerdem kreuzen viele Marburger den „Garten des Gedenkens“, weil ein Fußweg von hier direkt in die Oberstadt führt. Es war ausdrücklicher Wunsch der jüdischen Gemeinde, die an der Umgestaltung mitgewirkt hat, dass der Platz nicht nur eine Möglichkeit zum Erinnern, sondern auch zum Erholen bietet. Damit haben sie eine weitgehend unbeachtete Brachfläche – und ein bedeutsames Stück Geschichte – wieder in das Marburger Alltagsleben geholt.</div><div>&nbsp;</div><div><br><br><br><br></div>