Darmstadt und der Jugendstil

<div>„Für uns, als wir jung waren, begann das 20. Jahrhundert, als Versprechen wie als Aufgabe, recht eigentlich in Darmstadt.“ Der 1963 verstorbene erste Bundespräsident Deutschlands Theodor Heuss war sich der Besonderheit der südhessischen kleinen Großstadt am Rande des Odenwalds bewusst. Die Stadt der Wissenschaft und Künste mit Sehenswürdigkeiten wie Schloss, Altes Rathaus, Stadtkirche, Pädagog, Ludwigskirche, Porzellanschlösschen, Hessisches Landesmuseum, im Krieg stark zerstört und derzeit in Sanierung, machte nicht den Fehler, im Neubau-Wahn der Nachkriegsjahre alles Alte abzureißen. Behutsam widmete sie sich auch dem Kleinod, das die Stadt schon zwischen den Jahren 1901 und 1914 mit vier Ausstellungen international berühmt gemacht hatte: die Mathildenhöhe. „Mein Hessenland blühe, und in ihm die Kunst.“ Getreu diesem Motto hatte der letzte Großherzog aus dem Hause Hessen und bei Rhein, Ernst Ludwig (1868-1937), 1899 auf der Mathildenhöhe eine Künstlerkolonie gegründet, die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs bestand. Junge avantgardistische Maler, Bildhauer, Architekten, Gold- und Silberschmiede, Buch- und Glaskünstler lebten und arbeiteten dort. Unter dem Wahlspruch „Seine Welt zeige der Künstler, die niemals war, noch jemals sein wird“ hatten sie einen für Deutschland neuen Stil kreiert. Es blieben ihnen nur wenige Jahre, doch genug, um Darmstadts Ruf als Stadt des Jugendstils zu festigen. Ein Spaziergang über die Mathildenhöhe – ihre Namensgeberin war Prinzessin Mathilde von Bayern – könnte am Hochzeitsturm beginnen. Längst erkoren ihn die Bewohner zum Wahrzeichen und der Magistrat – in stilisierter Form - zum offiziellen Signet. Eine Hand mit fünf schmalgliedrigen Fingern zum Schwur erhoben, thront die kupferne Turmspitze knapp 50 Meter über der Erde und lässt eine weite Fernsicht zu. Dass sich Paare in ihm trauen lassen können, versteht sich fast von selbst, war er doch ein Vermählungsgeschenk für Ernst Ludwig. Das in Blau und Gold strahlende Mosaik Der Kuß von Friedrich Wilhelm Keukens (1908-10) in der Eingangshalle fordert die Liebe geradezu heraus. Mit seinen roten Klinkersteinen und den ungewöhnlich über Eck gelegten Fensterbändern und reich ornamentiertem Portal gelang dem der Wiener Sezession angehörigen Architekten und Designer Joseph Maria Olbrich (1867-1908) eine eigenwillige Konstruktion. Auch die sich anschließenden Ausstellungshallen mit dem zauberhaften Pavillon über dem Treppenaufgang und dem Mosaik in der Kuppel stammen von Olbrich. Das faszinierende Gewölbe eines gemauerten Wasserreservoirs (1877-80) darunter blieb als technisches Denkmal erhalten. Bereits um 1830 hatten die Vorfahren Ernst Ludwigs einen wunderschönen Platanenhain angelegt. Der vielen durch die Bremer Böttcherstraße bekannte Bildhauer Bernhard Hoetger durfte ihn um 1914 mit märchenhaften Plastiken schmücken: ein Brunnen mit drei zierlichen Wasserträgerinnen sowie vier Figurenreliefs, Frühling, Sommer, Schlaf und Auferstehung darstellend. Wer das Grabmal für Paula Modersohn-Becker kennt, die bei der Geburt ihres Kindes starb, für den wird die Skulptur „Mutter und Kind“ nicht neu sein. Alle Reliefs und Skulpturen tragen Inschriften. Das von Hoetger und Albin Müller geschaffene „Löwentor“ – der Volksmund verwandelte die Löwen in „niesende Igel“ - wurde allerdings 1927 zum Eingang des Parks Rosenhöhe in unmittelbarer Nähe versetzt.&nbsp;</div>