Im Zugoffice

Artikel: Im Zugoffice

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal: Im Zugoffice

Nichts ist mehr so, wie es war. Ich habe fast vergessen, wie sich Deutschland vor wenigen Monaten noch angefühlt hat.

Das Getriebene, dieser Lärm. Deutschland 2019 war erledigen, erledigen, erledigen. 2020 wurde es zu einem Land des Durchhaltens. Der Hauptbahnhof in Berlin, fast leer. Im Zug Stille, ich sehe zunächst keine Handys, keine Laptops, höre keine Musik, kein Plaudern und Plappern. Ich weiß bei den anderen Passagieren wegen der Masken, die sie tragen, nicht, ob sie mit mir sprechen wollen. Ich kaufe mir traurig Süßigkeiten im Bordbistro, hinsetzen darf ich mich hier nicht, muss zurück an meinen Platz im Zug. Ich fahre nach Hamburg zu einem Geschäftstermin. 

Habe ja nun viel Zeit, fliege nicht, reise nicht, erlebe nichts. Jeder Tag erinnert mich an den gestrigen. 

Der neue Arbeitsplatz: der Vierertisch im Zug

Ein Mann am Vierertisch tippt wild auf seinem Laptop, als würde er komponieren. Ich nehme am Tisch auf der anderen Gangseite Platz. Er blickt zu mir auf, an der Maske vorbei, und ich glaube, er lächelt. „Ich bin eigentlich im Homeoffice“, erzählt er mir. „Am Anfang, da dachte ich noch, Corona bedeutet einen Durchbruch für die Arbeit der Zukunft. Also Telefonkonferenzen im Büro statt Dienstreisen, weniger Meetings ohne Ausgang. Konzentrierter arbeiten. Und um 15 Uhr einen kleinen Mittagsschlaf halten“, sagt er und lacht. 

Er erzählt von den Kindern, der Frau, den Pflichten, wie viel mehr gesaugt werden müsse, wenn alle immer zu Hause seien. Berichtet von Streitigkeiten zwischen seiner Frau und sich. Und ich nasche Süßigkeiten. Corona hat uns beide gesprächig gemacht, denke ich. Wir erleben alle das Gleiche, das ist selten. „Und Sie?“, will er wissen. Ich biete ihm eine Süßigkeit an. Er lacht, verneint, unbehandschuht in die Tüte greifen sei ja wohl Selbstmord. Ich erzähle von mir. Auch ich kenne die Krümel zu Hause, den seltsamen Vormittagsstress im Homeoffice und die Orientierungslosigkeit, die immer gegen 15 Uhr einsetzt. Bei mir allerdings aus anderen Gründen. Vor Corona kannte mein Leben keine Struktur, jetzt hat es plötzlich eine. Einen Tagesablauf. „Der gleichmäßige Rhythmus macht Sie fertig?“, fragt er mich erstaunt. Und ich nicke. Ich wusste selten, was der nächste Tag bringt. Ich wollte das immer so und habe mir meine Arbeit so strukturiert, dass es wenig Struktur gab. Ich hatte immer das Gefühl, wenn die Abläufe am Arbeitsplatz gleich seien, dann vergehe das Leben schneller. Ich erzähle ihm meine These. Und er wird nachdenklich, stimmt mir zu. „Haben Sie ein Meeting in Hamburg?“, will ich von ihm wissen. „Nee“, sagt er. „Ich musste einfach mal raus aus dem Homeoffice.“

Unser Kolumnist

Für seine Reportagen ist der Journalist und ­Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs. In „Mein neuer Nachbar“ erzählt er von zufälligen Begegnungen mit Sitznachbarn, die ihn nicht mehr los­gelassen haben.