24 Stunden in... Heilbronn

Artikel: 24 Stunden in... Heilbronn

Zum ersten Mal in der Stadt? Kommen Sie mit. Unser Autor entdeckt Heilbronn.

Es war 1988, ich gerade sieben Jahre alt, als Heilbronn mir Melanie wegnahm. Ich hatte sie im Kindergarten unseres gemeinsamen Heimatorts im Hunsrück kennengelernt, in meiner Erinnerung mit Playmobilfigur in der Hand. Wir spielten viel. In der ersten Klasse saßen wir nebeneinander, und ich hoffte, dass sich am Sitzplan bis zum Abitur nichts ändern würde. Unser Haus wurde in der Nachbarschaft von Melanies Wohnung gebaut, was die Zahl gemeinsamer Spielplatzbesuche erhöhte. Kaum waren wir eingezogen, erfuhr ich: Melanies Vater werde nach Heilbronn versetzt; Melanie müsse mit in die Stadt am Neckar. Was für eine Frechheit, uns Kinder hatte keiner gefragt. Die 200 Kilometer an den Neckar schienen unüberwindbar. In der Schule suchte ich neue Sitzpartner. Heilbronn belegte ich mit einem Bann. Tatsächlich hielt er bis zu dieser Recherche.

Nun stehe ich vor dem Heilbronner Bahnhof, Straßenbahnen klingeln. Kein Stress, denke ich, 24 Stunden sind viel für einen Ort wie Heilbronn mit seinen 125 000 Einwohnern und seinen Sehenswürdigkeiten. Ein Irrtum. Schon beim ersten Programmpunkt in der Stadt verbringe ich so viel Zeit, dass mein Plan durcheinandergerät. Daran ist die experimenta schuld – außen Rubiks Würfel, innen Wissenschaftsmuseum –, in der ich mit einem Rädchen wahlweise Niesel- oder strömenden Regen erzeuge und endlich die Murmelbahn baue, von der ich als Erstklässler geträumt habe. Im Keller werden Sternenshows gezeigt, aber dort rennen viele Kinder herum, denen will ich keinen Platz wegnehmen, also gehe ich raus, spaziere zur nächsten Sehenswürdigkeit in der historischen Altstadt, zum Heilbronner Rathaus mit der dreifachen Uhr, erklimme den Hafenmarktturm, schaue ringsum und frage mich, wo Melanie in Heilbronn wohnte. Am Horizont: Schornsteine, Industrie.

Von einem Stadtführer erfahre ich, dass die Stadt Heilbronn ein „schaffiges Zentrum“ sei, zu dessen Söhnen Gottlieb Daimler und der Forscher Robert Mayer zählten. Dass lange „Lieber sich selbst geschadet als anderen geholfen“ als inoffizielles Motto der Stadt am Neckar gegolten habe und es ob all der Weltmarktführer (Handel, Maschinenbau, IT) den Geschäftsleuten so gut ginge, dass sie kein Interesse an Touristen hätten. Restaurants wie das „Pfeffer“ mit seinen köstlichen Maultaschen öffnen noch heutzutage nicht sonntags. Später treffe ich den Künstler Philipp Kionka, der versucht, mit Kreativen buntes Leben in diese Gemütlichkeit zu implantieren. Ob Melanie in seinem Kreativzentrum abhing?

Dann sitzt sie vor mir, am Neckarufer, und grinst: Melanie, MEINE Melanie. Ich erschrecke, kichere dann für zwei Stunden wie ein Teenager. Das Heilbronner Stadtmarketing habe sie ausfindig gemacht, höre ich. Wir fahren in den „Besen“, eine Winzerwirtschaft über der Stadt, trinken Wein, vergessen beim Schwätzen fast die Käsespätzle vor uns. Melanies Lachen klingt wie damals in der ersten Klasse. Mein Herz hüpft herum und ich befreie Heilbronn von meinem Bann.

NICHT VERPASSEN