Heimat unter Wasser

Artikel: Heimat unter Wasser

In dieser Zeit wollen viele abtauchen. Unsere Autorin tat genau das: Sie begab sich auf eine Deutschlandreise unter Wasser. Und machte erstaunliche Entdeckungen. Text: Maria Timtschenko

Dort unten liegt es, das Boot. Sein Segel ist aufgespannt, aber eingerissen. Ich blicke auf meinen Tauchcomputer am Handgelenk, zwölf Meter Tiefe zeigt er an. Falls das Boot einen Namen trug, kann man ihn heute nicht mehr erkennen: Algen und Moos überwuchern die Außenwände, Taue und den Segeltuchstoff. Ich schalte meine Taschenlampe ein, tauche entlang der Kajüte und spähe ins Innere.

Was es mit diesem Boot in einem See in Norddeutschland auf sich hat, sei später enthüllt. Ich habe es erkundet, weil ich mein Bild davon schärfen wollte, wie Deutschland unter Wasser aussieht. Ich fand, es war an der Zeit. Knapp 100 Tauchgänge habe ich in meinem Logbuch eingetragen. Für passionierte Taucher ist das nicht viel – deren Bücher verzeichnen Tausende  –, aber ich bin auch keine Anfängerin mehr. Gut die Hälfte meiner Tauchgänge habe ich in heimischen Gewässern absolviert. Auch meinen allerersten: in einem Baggersee nahe Leipzig. Damit bin ich eine Art Exotin unter Exoten. Ich kenne viele, die bereits ihren Tauchschein an Orten machten, die für ihre Unterwasserwelten berühmt sind: Adria, Ägypten, Thailand.

Wie ein perfekter Tauchspot aussieht, davon haben auch Nicht-Taucher eine klare Vorstellung. Es gibt zahlreiche Postkartenmotive. Die Korallenriffe des Great Barrier Reefs in Australien. Schildkröten und Delfine im Roten Meer in Ägypten. Fische, römische Amphoren umwimmelnd, in Kroatien.

Deutschlands beliebte Motive finden sich über Wasser: Kölner Dom, Brandenburger Tor, Harz, Schwarzwald zum Beispiel. Gibt es unter der Wasseroberfläche etwa nichts zu sehen? Kaum vorstellbar bei mehr als 12 000 natürlichen Seen hierzulande. Der Tagebau hat uns über 500 zusätzliche Seen beschert. Hinzu kommen mehr als 300 Stauseen, zahlreiche Flüsse, außerdem Ost- und Nordsee. Doch bleibt das Bild von Deutschland unter Wasser verschwommen. Ich suchte Klarheit. Deshalb reiste ich zu fünf Tauchspots. Von Nord bis Süd, Seen und Küste, Naturwunder und menschen­gemachte Gewässer.

So wie jenes mit dem algenbewachsenen Segelboot: der Kreidesee Hemmoor  zwischen Stade und Cuxhaven. Das Boot ist dort nicht gesunken, sondern wurde vor 15 Jahren absichtlich vom Tauch­basisbetreiber Holger Schmoldt, 53, versenkt. Es hätte vom Besitzer – ebenfalls Taucher – aufwendig renoviert werden müssen. Lohnte nicht. Als Highlight für die Tauchgäste liegt es nun tief auf dem Seegrund. Ebenso wie ein Lastwagen, den Schmoldt auf 18 Meter Tiefe absenkte. Und die Piper Aerostar 601P – ein kleines Flugzeug, das Schmoldt kaufte und es, samt zweier Skelette mit Pilotenuniform, im See aufhängen ließ. „Es ist einzigartig in Deutschland, weil man es dreidimensional betrachten kann“, sagt Schmoldt. Damit hat er offenbar Sehenswürdigkeiten geschaffen: In normalen Jahren kommen 40 000 Taucher an seinen See. Nach zwischenzeitlicher Schließung ist sein Tauchplatz nun wieder gut besucht.

Auch ohne versenkte Segelboote bietet Hemmoors Geschichte viel Stoff, um unter Wasser auf Expedition zu gehen. 1872 war hier eine Kalk- und Ziegelbrennerei gebaut worden. Örtliche Quellen geben gar an, von hier stamme ein Teil des Zements, der für den Sockel der Freiheitsstatue in New York geliefert wurde. Mitte der 1970er-Jahre wurde es unrentabel, das Grundwasser zurückzudrängen, man schloss den Betrieb. Später entdeckten Taucher den neu entstandenen See für sich. Aus der Abbauzeit sind unter anderem noch eine Pflasterstraße, Förderband und Betonschüttsilos erhalten. Man bräuchte einige Tauchgänge, um alles zu besuchen.

Von meiner Stippvisite nehme ich mit: Hemmoor ist viel klarer als andere Gewässer in Deutschland. Das Sonnenlicht bringt das Wasser zum Flimmern, und in 20 Meter Entfernung sehe ich einen kleinen Unterwasserwald, wo knöchrige Bäume mit Wurzel und Stamm im Wasser stehen.

DAS VERSENKTE BOOT, sechs Meter lang, erinnert mich an die berühmten Wracks, die zahlreiche Taucher aus aller Welt anziehen. Die 126 Meter lange S.S. Thistlegorm in Ägypten zum Beispiel. Oder den 155 Meter langen deutschen Kreuzer S.M.S. Cöln, der 1919 vor Schottland versenkt wurde. Ob groß oder klein, von Wracks geht eine Faszination aus. Witterung kann ihnen kaum etwas anhaben. Pflanzen und Fische finden jetzt dort Unterschlupf, wo einst Segler Taue zu Knoten knüpften.

Mir ging es oft so: Wo dem Tauchspot ein Ruf vorausging, empfand ich Stress. Allein die Massen. Im Roten Meer reiht sich zum Beispiel ein Touristenboot ans nächste. Schnorchler bedecken die Wasseroberfläche, weiter unten strampeln diejenigen von Oktopus zu Muräne, die schon mal einen Tauchschein gemacht haben. Nebenan lässt ein Schiff seine Exkremente und Abfälle ins Wasser. Entspannen kann ich mich hier nicht.

Anders ist es, als ich Cosima Schiffauer anrufe. „Unter der Woche hast du gute Chancen, hier allein zu tauchen“, sagt die 54-jährige Basisleiterin des Steinbruchs Horka. Seit Anfang der Zweitausenderjahre arbeitet die Bambergerin in der sächsischen Lausitz. Und als ich ankomme, an einem sonnigen Tag, sind außer mir nur sie und ihr Mann dort.

Schiffauers Haare sind von der Sonne hellblond gebleicht, die Haut ist braun, und ihr Körper wirkt drahtig. Ein Jahr lang suchte sie nach dem idealen Ort für ihre eigene Tauchbasis. „Ich wusste, dass es in Ostdeutschland durch den Tagebau viele Seen gab. Jedes Wochenende bin ich hier von Steinbruch zu Steinbruch gefahren, habe mich abgeseilt und bin tauchen gegangen.“ Schiffauer streifte schon durch das Lausitzer Seenland, als es noch weitgehend unbekannt war. In einigen Jahren werden die Tagebaugebiete gänzlich geflutet, und die Lausitz wird eines der größten Naherholungsgebiete Deutschlands sein.

In Horka in Sachsen fand sie einen See, der genau ihren Vorstellungen entsprach, klein und klar. Hier wurde in der DDR bis 1974 Granit abgebaut. Zurück blieb ein Erdloch, dass sich durch eine Grundwasserquelle mit Wasser füllte. „Der See ist meine Lebensgrundlage“, sagt Schiffauer. „Jeden Tag befreie ich ihn von Laub, verscheuche Badegäste, die mit ihrer Sonnencreme das Wasser verschmutzen könnten, und achte darauf, dass Fische und Pflanzen sich die Waage halten.“

Wir gleiten in den See, und Schiffauer drückt Daumen und Zeigefinger aufeinander – das Zeichen für „alles okay“. Unter Wasser verlangsamt sich meine Atmung. Ich hole Luft, halte inne, lausche der Stille. Eine Ruhe, die ich über Wasser nie erlebe. Kein Rasenmäher, kein Vogelgesang, kein Blätterrauschen. Ich breite die Arme aus und schlage sie wie Flügel. Langsam. Die Füße paddeln im Gleichklang. Die Arme schwingend spüre ich leichten Wasserwiderstand, aber vor allem eine einmalige Leichtigkeit. Ich tauche nicht, ich fliege. Das Ein und Aus meiner Atmung macht mir den lebenswichtigsten Vorgang bewusst. Vor Kurzem las ich Juli Zehs Roman „Nullzeit“, darin sagt der Tauchlehrer Sven: „Wer zehn Meter in die Tiefe tauchte, reiste zugleich zehn Millionen Jahre in der Evolutionsgeschichte zurück – oder an den Anfang der eigenen Biografie. Dorthin, wo das Leben begann, im Wasser schwebend und stumm.“

Unterwasser ist ein Ort, an dem Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen. Manchmal fühlt man sich beim Tauchen gar als Teil der Erdgeschichte. Wie im Walchensee, den ich aufgesucht habe, weil er natürlichen Ursprungs ist und in einer tektonischen Senke liegt. Er ist einer der größten Alpenseen in Deutschland – bis zu 195 Meter tief. Die herabfallende Steilwand im See, die sogenannte Galerie, ist unter Tauchern berühmt. Das Älteste, was Archäologen bislang im See entdeckten, ist der Schädel eines Ur-Elchs – 12 000 Jahre alt.

SANFT STREICHE ICH unter Wasser das Sediment von den Vorsprüngen der Steilwand. Es rieselt nach unten, wie Puderschnee an einem kalten Winterabend, und verschwindet im Dunkel. Als würde es zum Mittelpunkt der Erde fallen.

Die Tiefen eines Sees haben etwas Mystisches, das immer wieder kulturell aufgegriffen worden ist. Zum Beispiel in der Gestalt der Undine, eines Wasser­wesens, das Männer, die es verlassen wollen, zu ermorden sucht. Eine moderne Filmversion lief unter dem Titel „Undine“ auf der Berlinale. Unter Wasser steht für einen Ort, an dem unsere unterbewussten Gefühle beheimatet sind. Gleichzeitig erträumen sich Menschen einen Ort, an dem sie sich frei bewegen können – wie ein Fisch eben. Jules ­Vernes Geschichte über Kapitän Nemo, die Dokumentationen von Jacques-Yves Cousteau oder der Zeichentrickfilm „Arielle“ haben ihren Teil dazu beigetragen. Was wir hingegen selten glorifizieren: Wasserwelten, die der Mensch erschaffen hat. Ich reise ins Bergwerk Nuttlar im Sauerland, wo seit 1878 Schiefer abgebaut wurde. 1985 ging es pleite, die Pumpen wurden abgestellt. Zurück blieben Rohre, Werkzeuge und Loren – und ein Gängesystem, dessen unterste zwei Sohlen auf zwölf Kilometer Länge mit Grundwasser geflutet sind.

Ich steige einen schlickigen Weg hinab zur Einstiegsstelle in Nuttlars Untergrund. Vor mir läuft ein stämmiger Mann mit kahlem Kopf. Matthias Richter, 50 Jahre, Tauchbasisleiter mit mehr als 5000 Tauchgängen. Er half schon dabei, Haie und Rochen vor den Seychellen zu studieren. In Deutschland ist es üblich, die Ausbildung zum Höhlentaucher in alten Bergwerksstollen wie Nuttlar zu machen. Wir bleiben im vorderen Bereich. Hier reicht das Wasser nicht bis zur Höhlendecke. So kommt man zwar noch an Sauerstoff, doch der schwarze Schiefer absorbiert jeden Lichtstrahl unserer Lampen. „Wir können jederzeit umkehren. Sobald du dich unwohl fühlst, brechen wir ab“, sagt Richter. Ich steige ins Wasser und fange sofort an zu frösteln. Sieben Grad, mein Herz pumpt. Ich schalte meine Taschenlampe an und sinke. Unter der Oberfläche ist es rabenschwarz. Ohne Richter wäre ich orientierungslos. Ohne ihn würde ich sofort aus dem Wasser flüchten. Meine Finger werden steif, ich verschränke die Arme vor der Brust. Hier ist kein Platz zum Fliegen. Panik beschleicht mich, bis ich dagegen andenke: „Guck mal, Maria, hier das Rohr“, rede ich mir ein, „sieh mal da, ein Abraumhaufen.“ Die Spannung dieses Tauchgangs rührt nicht davon, was es zu sehen gibt. Sondern davon, die Angst zu überwinden.

Viele Taucher, so kommt es mir vor, hetzen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, von Tauchplatz zu Tauchplatz. Von Schildkröte zu Feuerfisch. Wracks auf ihrer Liste abhaken, Tiefenrekorde aufstellen. Deutschland bietet auf den ersten Blick wenig Listenmaterial. Hier erwartet keiner etwas. Die Überraschung während dieser Reisen unter Wasser ist oftmals umso größer.

Nach See, Steinbruch und Bergwerk zieht es mich aufs Meer, zur Ostsee. Mit einem Motorboot fahren mein Begleiter Thomas Mohr und ich etwa 20 Minuten hinaus zum Riff Nienhagen vor Rostock. Am Ziel angekommen, lasse ich mich rücklings ins Wasser fallen. Unten ist ­alles übersät von Seesternen, Mies­muscheln und kleinen festen Seepocken, die sich an Betonelemente und Steine geklebt haben. Schwärme junger Dorsche ziehen an mir vorbei, Grundeln wühlen ihren Weg in den Sand.

Auf 50 000 Quadratmetern wurden hier eigens Betonklötze sowie Natursteine versenkt. Dicke Seile dienen als Großalgenimitate, Plankton, Muscheln und Würmer fanden an ihnen ein Zuhause. Mohr, 63, ist Mitarbeiter am ­Institut für Fischerei der Landesforschungsanstalt. Er betreut die Riffversuche. „Wir möchten herausfinden, ob sich durch die künstlichen Elemente mehr Pflanzen und Fische ansiedeln“, erklärt er. Falls ja, hätte man eine Methode gefunden, um Schäden auszugleichen, die beim Bau von Häfen oder Windparks entstehen. Und nebenher hätte man einen weiteren Tauchspot geschaffen.

Nach meiner Reise ist das Bild von Deutschland unter Wasser klarer geworden – und zugleich vielfältiger. Es reicht von rabenschwarz bis flirrend hell, von Dorschschwärmen über Wracks bis zur Steinwand, von eiskalt bis angenehm kühl. Mein nächstes Ziel wird die Eckernförder Bucht sein. Dort sichteten Strandbesucher im April ein Tier, das ich selbst beim Tauchen im Roten Meer noch nicht entdecken konnte: einen Delfin.