„Es darf wieder wild sein“

Artikel: „Es darf wieder wild sein“

Jan-Dieter Bruns aus dem Ammerland betreibt eine der größten Baumschulen. Seine Pflanzen stehen in den Metropolen Europas. Ein Gespräch über nationale Grünzeugvorlieben. Text: Uwe Pütz

Champs-Élysées, Brandenburger Tor, Wembleystadion in London – vielerorts in Europa stehen Bäume aus Ihrer Baumschule. Macht Sie das stolz?

Ich fühle mich in diesen Städten immer wie zu Hause. Ich sehe dort an vielen Stellen unsere Platanen, Linden oder Kiefern, die hier im Ammerland gewachsen sind. Vor ein paar Monaten hatte ich einen ­Termin in Moskau. Als ich am Grabmal des unbekannten Soldaten vorbeifuhr, war ich sehr überrascht, wie groß unsere Blaufichten geworden sind. In 22 Jahren waren sie von zwei auf zehn Meter in die Höhe gewachsen und sahen prächtig aus.

Sind Sie in solchen Momenten Geschäftsmann oder Gartenliebhaber?

Wenn ich in den Metropolen unterwegs bin, dann deshalb, weil ich mit den Landschaftsarchitekten der Städte oder von Privatleuten über neue Gärten oder die Parkgestaltung spreche. Das ändert aber nichts daran, dass ich ein leidenschaftlicher Gärtner und Pflanzenfan bin. Für mich sind manche Solitärgehölze wie lebendige Kunstwerke, die man zur Ausstellung freigibt. Das kann ein 40 Jahre alter Ahorn sein, den wir nach London ausliefern, oder Buchsbaum-Riesen, die wir über viele Jahre geformt und geschnitten haben.

Sie scheinen eine persönliche Beziehung zu Ihren Pflanzen zu pflegen.

Wenn ich nach Berlin komme und dort am Reichstag die Spreeeichen sehe, dann erkenne ich einige Bäume an ihrem Erscheinungsbild wieder. Manche von ihnen sind 20 Jahre und länger bei uns gewachsen, bevor sie unseren Betrieb verlassen haben.

Ist Ihr Geschäft durch Corona zum Erliegen gekommen?
Bisher nicht. Aus Frankreich kamen einige Stornierungen, auch aus Österreich, doch wir machen uns vielmehr Sorgen, ob wir alle Aufträge erledigen können. Zurzeit haben wir unsere Mitarbeiter in der Produktion in Teams aufgeteilt und eine Reserve gebildet, sodass wir beim Auftritt eines Corona-Falls mit der halben Mannschaft weiterarbeiten könnten.

Wie sind Sie zu einem der größten Lieferanten der Gärten Europas geworden?

Mein Urgroßvater startete 1876 mit einer kleinen Gärtnerei. Heute kultivieren wir mit 350 Mitarbeitern 5000 verschiedene Pflanzenarten, ausladende Solitärbäume wie Zierkirschen und japanische Bonsais. Manche davon sind 50 Jahre alt und 15 Meter hoch. Wer in Europa einen Platz, Garten oder Park mit besonderen Bäumen gestalten möchte, wendet sich an uns. Wir halten Pflanzen in zehn verschiedenen Größen vor. Sie werden alle drei bis vier Jahre umgepflanzt, damit sie keine zu tiefen Wurzeln schlagen, und zum Versand mit Wurzeln ausgehoben. Danach verfrachten wir die Bäume auf Lkw oder Tieflader mit Sondergrößen bis nach Russland. Für die Begrünung im Gorki Park zum Beispiel waren 100 Lastwagen eine Woche lang auf Achse.

Wer kommt zu Ihnen?
Kunden aus ganz Europa und manchmal aus Asien. Unternehmer und Prominente, Adelige und Oligarchen, aber auch Menschen, die ihren Garten einfach verschönern wollen. Manche entsenden ihre Landschaftsarchitekten, manchmal schaut ein Prominenter oder Oligarch auch selbst vorbei, um sich sein Lieblingsgehölz auszusuchen.

Sind edle Bäume der neue Luxus der Reichen?

Für Menschen, die schon alles haben, sind Pflanzen der wahre Luxus, denn sie leben und werden immer schöner. Viele Menschen investieren ihr Geld in Immobilien, und zum Haus gehört der Garten dazu. Er ist die Verlängerung des Wohnraums. Das Mobiliar und der Stil im Innern sollen sich draußen fortsetzen, dazu gehören Pflanzen, die den Blick auf sich ziehen dürfen und nachts angestrahlt werden können wie Skulpturen.

Verraten Sie uns, welches Edelgewächs am begehrtesten ist!

Zurzeit Japanische Ahorne oder schön gewachsene Eichen, wie wir sie zum Beispiel an das Hamburger Hotel The Fontenay geliefert haben. 30 bis 40 Jahre alt, acht bis zehn Meter hoch, die können schon mal einige Tausend Euro kosten.

Und normale Gartenfans? Was treibt die um?
Insgesamt erleben wir schon seit Längerem eine Gegenentwicklung zum eher minimalistischen Garten der 1990er-Jahre. Es darf hierzulande wieder wild sein, bevorzugt werden freie Flächen mit Gräsern und Stauden, aus denen einzelne Bäume hervorstechen. Auch Waldkiefern erleben zurzeit eine Renaissance in privaten und öffentlichen Gärten.

Gilt das für den gesamten europäischen Raum?

Trotz der Globalisierung zeigen sich beim Garten immer noch einige nationale Unterschiede. In Deutschland sehe ich einen starken Trend hin zu frei wachsenden Bäumen, zudem sind Obstbäume, Schlingpflanzen und Stauden stark gefragt. Das gilt auch für die Niederlande und Skandinavien. In Frankreich und Belgien dagegen sieht man sich noch stark in der Tradition europäischer Adelsgärten mit klaren Sichtachsen und strengem Formschnitt, gut sichtbar an der Spalier-, Kasten-, Kugel- und Kegelform von Eiben und Buchsbäumen.

Und was mögen die Briten?

Hier spielen Stauden und Gräser eine große Rolle. Außerdem hält man in englischen Parkanlagen die Baumkronen gerne niedrig, man achtet wie in alten Zeiten auf die Verbisshöhe, die weidende Schafe und Rinder beim Abgrasen herunterhängender Zweige und Äste erreichen können. Eine Besonderheit in England ist auch die Vorliebe für Birken mit weißer Rinde. Die Exemplare, die an den St. Katharine Docks in London stehen, stammen von uns.

Erstaunlich. Warum braucht das Mutterland der Gärten Pflanzen aus Deutschland?

Die Engländer haben zwar eine hohe Gartenkultur, in der Produktion ihrer Baumschulen aber überwiegend nur kleine Pflanzen für den Privatverkauf produziert. Wer öffentliche Plätze ausstattet, möchte nicht darauf warten, bis die Bäume eine stattliche Größe erreicht haben. Dann kommen wir ins Spiel.

Wie wichtig sind Aufträge von Kommunen für Ihr Geschäft?

Sie werden immer wichtiger. Wir haben inzwischen Verträge mit den Städten London und Paris über die Versorgung mit besonderen Pflanzen, haben den Düsseldorfer Kö-Bogen bestückt, das Brandenburger Tor und den Pariser Platz in Berlin. Vor Kurzem sind große Platanen mit kastenförmigen Kronen für den Neumarkt in Dresden von uns ausgeliefert worden. Für die Städte sind schöne Pflanzen heute mehr als ein dekoratives Gestaltungselement. In den zunehmend dichter bebauten Ballungsräumen wird Grün zum Faktor für die Lebensqualität, gerade in Zeiten des Klimawandels.

Verändert die Erderwärmung die Nachfrage?

Das spüren wir längst. Wir kultivieren immer mehr trockenverträgliche Pflanzen; noch sind es keine Palmen, dafür mehr südländische Arten wie Amberbaum, Lederhülsenbaum oder die Hopfenbuche. Die sind höheren Temperaturen gut gewachsen und können den Menschen an heißen Tagen Schatten spenden.

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„Bin ich hier in einer Gartenschau gelandet?“, fragte sich DB MOBIL-Redakteur Uwe Pütz, als er für eine Recherche ins Ammerland reiste. Er sah weite Flächen mit prachtvollen Gewächsen. Für dieses Interview fuhr er erneut hin – und war fasziniert von einer der größten Baumschulen Europas.