Der Hörgerätträger

Artikel: Der Hörgerätträger

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal: Der Hörgerätträger

Ich lasse mich am Vierertisch in den Sitz sinken, strecke die Beine unter den Sessel mir gegenüber. Ich habe Kaffee, ein Buch und auf meinem Computer unzählige Serien. Auf dem Tisch vor mir: selbst geschnittene Gurkenscheiben und Kohlrabi. Das wird eine gute Fahrt, denke ich und schlafe noch während des Gedankens ein.

Doch der Mann neben mir, im unbestimmbaren Alter zwischen 65 und 80, tippt mir auf die Schulter. „Entschuldigen Sie, benutzen Sie ein Hörgerät?“, will er von mir wissen und zeigt auf meine kabellosen Ohrstöpsel. Kopfhörer, winzig klein, die mit meinem Telefon über Bluetooth kommunizieren.

„Sie sind doch noch viel zu jung für ein Hörgerät“, betont er, bevor er mich antworten lässt. „Nein“, sage ich. „Das sind kleine, kabellose Kopfhörer“. Der alte Mann nickt. Er fragt interessiert weiter. Die Frau schräg gegenüber hört aufmerksam zu.

„Und Ihr Hörgerät?“, frage ich und bekomme eine kurze Erläuterung über die Funktionsweise. Seit er es habe, sei die Welt eine bessere. Ich frage ihn, ob es ein schwieriger Schritt war, zum Arzt zu gehen, sich sagen zu lassen, die Ohren sind jetzt kaputt. Wir reden miteinander, als wäre ich sein Enkel. Dann möchte ich mich anbiedern, will ihm, wie vielen meiner Gesprächspartner, gefallen. „Alt werden ist schon unangenehm, oder?“, sage ich. Und der Mann, ohne zu überlegen, widerspricht mir. „Überhaupt nicht“, sagt er. Für die körperlichen Schwächen gebe es jetzt doch tolle technische Geräte, die Krankenkassen machten ihren Job, unterstützten ihre Mitglieder. „Gerade war ich auf Kur“, erzählt er mir.

„Ich habe immer Angst vorm Altwerden“, sage ich. „Aber warum denn? Sie waren doch noch nie alt“, sagt er. Die Frau und ich, wir lachen gleichzeitig. Dann wird er kurz still. „Am Altwerden ist nur eins doof. Wenn die anderen sterben.“ So wie sein Bruder Anfang des Jahres. „Umgefallen, tot“, sagt er. „Der hat’s geschafft“, schiebt er nach und lacht.

Dann sage ich einen Satz, den mir meine Mutter zum Trost sagte, als meine Großmutter starb. „Den Toten ist es egal, ob die anderen trauern, schlimm ist es nur für die Hinterbliebenen.“ Der Mann nickt. Dann mustert er mich.

„Sie werden richtig schön alt“, sagt er. „Ich wünsche es Ihnen, das Leben ist toll, und selbst mit Makeln macht es immer Spaß.“ Dann steht er auf, fragt, ob er eine Scheibe Gurke haben könne, und geht zum Speisewagen.

„Ich trinke jetzt ein Bier“, sagt er zum Abschied.

Unser Kolumnist

Für seine Reportagen ist der Journalist und ­Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs. In „Mein neuer Nachbar“ erzählt er von zufälligen Begegnungen mit Sitznachbarn, die ihn nicht mehr los­gelassen haben.