Tommy Jaud: Die Eilige Schrift

Artikel: Tommy Jaud: Die Eilige Schrift

Das Literarische Fundstück | Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten in jeder Ausgabe einen Schriftsteller, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen.

Mein Zug nach Hause rollt schon an. Meine Tochter läuft mit und kritzelt mit dem Finger hastig etwas aufs Fenster. Verwundert betrachte ich das Kunstwerk, als mein Handy vibriert. „Sorry, sollte ein Herz werden!“

Ich lehne mich zurück und schmunzle, weil: Ein Pimmel ist ja auch irgendwie ein Symbol für Liebe. Der Besuch hat mir gutgetan. Ich hab sogar noch ein Schächtelchen bekommen mit einer schönen Schleife, aber das darf ich erst zu Hause aufmachen. Und eine wunderschöne alte Bibel mit Glanzledereinband hab ich ergattert auf dem Waterlooplein-Flohmarkt. Mirella und ich, wir haben gemacht, was man in Amsterdam eben so macht: Kanaltour, Van-Gogh-Museum, Waffeln essen, und natürlich waren wir auch in einem Coffeeshop.

„Nicht mal wenigstens dran ziehen?“

„Ich bleibe lieber bei Rotwein.“

„Aber hier sieht dich nun wirklich keiner!“

„Gott vielleicht?“

„Der fänd’s sicher nice, wenn du mal chillst.“

Fänd er’s nice? Ich weiß es nicht mehr. Denn genau das ist ja das Problem, mit dem ich seit Wochen ringe: dass ich Gott verloren habe. Und mit wem soll man als Pfarrer über so was reden? Mit der Polizei?  „Hallo, ich bin Pfarrer aus Düsseldorf, und ich vermisse Gott. Wie bitte? Wann ich ihn das letzte Mal gesehen habe? Wie bitte? Nein, ich hab auch keine Beschreibung.“

So ist das leider bei uns Pfarrern: Wir haben keinen zum Reden, wir haben viel zu viel zu tun: Gottesdienste, Seelsorge, Hochzeiten, Beerdigungen, Geburtstage und sinnlose Presbyteriumssitzungen, in denen ich zum Beispiel erklären muss, warum mein Küster seinen Skoda in zweiter Reihe vor Victoria’s Secret ­geparkt hat und dann auch noch abgeschleppt wurde.

„Echt? Und von wem?“, hat Mirella nachgefragt. Ich hab mir noch einen Rotwein bestellt, und dann hab ich’s ihr einfach erzählt:

„Mirella? Ich hab Gott verloren irgendwie. Zu viel Arbeit, zu viele Sorgen, ich weiß nicht, warum. Es ist so wie bei Whatsapp, wenn man die Nachricht bekommt ‚Gott hat die Gruppe verlassen!‘“          

Mirella hat ihren Joint beiseitegelegt und mich mit großen Pupillen angestarrt.

„Vielleicht hattest du die Gruppe ja auf stumm?“

„Nein, Mirella. Gott ist weg. Ausgerechnet er. Nicht der Küster oder der Bürgermeister: Gott!“

Ich bekam eine liebevolle Umarmung: „Weißt du, Papa: Gott hat bestimmt nur sein iPhone verloren und ist bald zurück mit neuer Sicherheitsnummer!“

Als wir Utrecht Centraal erreichen, öffne ich Mirellas buntes Schächtelchen. Drin sind drei, vier, fünf in Folie verpackte, leicht grünliche Kekse und ein Zettel: „Damit du mal chillst. Bussi, Mirella“

Hastig stecke ich den Deckel zurück. Ja, ist die denn jetzt komplett verrückt? Was mach ich denn jetzt mit fünf Haschkeksen? Ich starre zum Nachbarsitz, wo ein langhaariger, junger Mann mit Bart und Wasserflasche schläft, der hat schon mal nix gesehen. Was, wenn ich sie verstecke und kurz vor Düsseldorf wieder an mich nehme? Das ist … schmuggeln!!! Und wenn dann noch ein Unschuldiger Probleme kriegt? Wegschmeißen!

Geht auch nicht, es ist ein Geschenk. Aber was dann? In meiner Not schlage ich meine Bibel an einer beliebigen Stelle auf und lande beim ersten Buch Mose, Kapitel 9, Vers 3: 

Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich’s euch alles gegeben.

Ich blicke nach oben. Platz 93! Sogar mein Sitz passt zum Vers. Im Ernst? Ich atme tief durch und falte die Hände: Gott ist zurück, und er will ...dass ich chille!

Glücklich reiße ich Mirellas Schachtel auf, stopfe alle Kekse in mich hinein und lehne mich zufrieden zurück.

Leider zeigen die Kekse keine Wirkung. Das Einzige, was nach Arnheim passiert, ist, dass der Lautsprecher kaputtgegangen ist, und der Schaffner klingt wie ein Tscheche in einem Brunnen: „Shr ghrte Fhrgst, nsr nchstr plnmßgr Hlt it Brhsn!“ Und der langhaarige junge Mann mit dem Bart hat sein Wasser in eine Flasche Rotwein verwandelt. Warum? Gibt doch Wein im Zug! Ist Jesus Schwabe? Und was fährt er überhaupt hier so öffentlich rum, das gibt doch nur Ärger an Ostern!

Als wir uns BRHSN nähern, spüre ich immer noch nichts: Alles ist, wie es immer ist: Der Gleiszeppelin scharwummelt in die Station so wie immer: mit ohrenbetäubendem Quietschekreisch, Gequäke vom Brunnentschechen und neuen Fahrgästen, die durch die Zische-Glaspforte von der Vorhölle direkt in mein Abteil döngeln. Auch hier ist alles ganz normal: Denn weder hat das Perlhuhn zwei Köpfe, und auch der Hamster mit der Harpune döngelt ganz normal vorbei und klettet sich an die Decke, wie man es halt so macht in einem Zeppelin. Nur kalt wird mir ein wenig. Ich streife meinen Talar über und ziehe mein Barrett auf, das ist der Hut, den viele Pfarrer bis heute tragen, wenn ihnen kalt wird und sie ... einen unfassbaren Hunger bekommen. Rasch verstecke ich meine wertvolle Bibel, wuchte mich hoch, greife nach der Weinflasche vom schlafenden Jesus und will zu den Schwaben mit der großen Picknickbox auf dem Tisch. Doch irgendwie klebt der Fußboden so arg, dass ich gar nicht vorwärtskomme. Als ich endlich beim Picknicktisch bin, singe ich ein hastiges Halleluja und esse drei Nutellabrote und ein Mettbrötchen. Zum Dank erkläre ich, warum Moses den Zug teilen musste: damit keine Kölner durchkommen! Die Picknick-Schwaben nuschelieren ein „Am beste de Schaffner“, doch statt eines solchen hüpft ein blau­roter Haubengiftfrosch herbei. Er nimmt mir den Wein ab und fragt mich mit der Stimme meines Küsters, ob ich sie noch alle hätte! Ich reiße an seinem Sakko und rufe, dass ich seine alberne Verkleidung durchschaut habe und er die Abschleppkosten schön selber zahlen könne!

Kurz darauf erwache ich in einem schmalen Bett neben anderen schmalen Betten, bei mir steht eine junge Dame in Blau, die besorgt auf mich herabschaut:

„Sie sind in der Duisburger Bahnhofsmission.“

„Aber warum?“

„Weil Sie die Verpflegung einer achtköpfigen Wandergruppe vertilgt haben, einem jungen Mann das Wasser geklaut haben und den Schaffner ausziehen wollten!“

„Warum sollte ich so etwas tun?“

„Weil er teure Frauenunterwäsche trägt und ihnen Geld schuldet!“

Ich denke nach und räuspere mich.

„In diesem Fall brauch ich bitte meine Bibel!“

„Sie haben keine Bibel!“

„Doch. Sie war im Zug, direkt unter dem Pimmel!“

Die Dame in Blau zieht meine Decke hoch und fasst meine Hand.

„Ich denke, Sie ruhen sich noch ein wenig aus, bis Ihr Küster Sie abholt.“

Oh Gott. Der Küster! Aber egal: Gott ist zurück, wie schön! Und: Er hat Humor! Ich texte Mirella, dass ich sie gleich nächste Woche wieder besuche. Ich hätte da eine kleine Idee, um die Gottesdienste ein wenig aufzulockern.


Der Autor: Tommy Jaud

Autorenprofil 

Tommy Jaud wurde 1970 in Schweinfurt geboren. Sein Germanistikstudium in Bamberg  nanzierte er mit Moderatorenjobs bei diversen Radiosendern und als Autor für den Kabarettisten Harald Schmidt. Das Studium brach er schließlich ab und zog nach Köln. Das Witzeschreiben behielt er bei. Vor der Veröffentlichung seines Debütromans „Vollidiot“ 2004 produzierte er für TV­Größen wie Anke Engelke. Es folgten sechs weitere komödiantische Romane, die zum Teil verfilmt wurden. Für „Zwei Weihnachtsmänner“ erhielt er den Deutschen Comedypreis. Sein aktuelles Buch „Der Löwe büllt“ wurde im Frühjahr 2019 veröffentlicht. Jaud lebt in Köln, wo er momentan an einem Theaterstück arbeitet („Boulevard 2.0“) und sich für Ziegenzucht interessiert.