Doris Dörrie: Loco in Acapulco

Artikel: Doris Dörrie: Loco in Acapulco

Das Literarische Fundstück | Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten in jeder Ausgabe einen Schriftsteller, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen.

Gestern Abend habe ich Lars mit dem Schrubber ein Bein gestellt, und er hat mich mit Kartoffeln beworfen, eine traf mich an der Stirn, und heute früh verlasse ich ihn, obwohl er im Schlaf so unschuldig und schön aussieht, dass ich fast keine Lust mehr dazu habe. Aber mein Rollkoffer fragt mich aus der Ecke des Schlafzimmers: Hast du denn gar keinen Stolz? Und im Handumdrehen packt er sich fast von selbst, während Lars einfach weiterschläft, und zieht mich zur S-Bahn zum Flughafen, einfach, weil er das so gewohnt ist.

In drei Stunden gibt es einen spottbilligen Flug nach Acapulco, den Namen habe ich immer gemocht, er klingt nach tiefblauem Meer und kühlen Drinks, ich sehe schöne Männer in knappen Bade­hosen von Klippen springen und überall Farbe, Farbe, Farbe, und klick, klick, klick ist der Flug gebucht. Schadenfroh betrachte ich die schwarzweißen Geschäftsleute um mich herum und denke: Ihr armen Schweine, ich fliege nach Acapulco – und ihr?

Ein paar Klicks später finde ich heraus, dass Acapulco inzwischen ein ziemlich gefährliches Reiseziel ist, und tja, da hätte ich mich mal vorher informieren sollen, sagt Lars gern, aber ich bin halt sehr spontan, was Lars nicht leiden kann. Ich fotografiere mein Ticket und schicke es ihm kommentarlos, bevor ich es wieder storniere und spontan am Hauptbahnhof aussteige. Dort stehe ich planlos ein Weilchen herum.

Soll ich jetzt einfach woanders hinfliegen? Ich kann mich nicht entscheiden, und als mir kalt wird, setze ich mich spontan in einen Zug. Ich sehe die Landschaft vorbeifliegen und stelle mir vor, es wäre mein Leben, was mich so sehr in Panik versetzt, dass ich in Augsburg spontan wieder aussteige. Lars schreibt: „Bist du noch ganz dicht????? Acapulco??? Megagefährlich!“, und erfreut über seine Reaktion schreibe ich zurück: „Ja! Na und? Adios.“ Es fängt an zu schneien, und spontan weiß ich nun nicht mehr weiter. Ich höre Lars laut lachen, ziehe meinen Koffer ins nächste Hotel neben dem Bahnhof und lege mich ins Bett. Was soll man sonst auch machen in einem Hotelzimmer?

Es riecht nach heimlichen Rauchern, und auf dem Fensterbrett vor einem Fenster ohne Aussicht steht ein kleiner, staubiger Kaktus. Mein Telefon stelle ich auf Flugmodus, setze mich in Gedanken auf meinen Gangplatz 28C und träume von singenden Kakteen vor tiefblauem Himmel. Sie singen „Griechischer Wein“, was ich selbst im Traum unpassend finde.

Als ich aufwache, liegen noch mehr als neun Flugstunden vor mir. Die Sonne geht in Augsburg unter und in Mexiko auf. Im Netz bestelle ich einen schwarzen Sombrero. Im Solarium in der Fußgängerzone hole ich mir gezielt einen Sonnenbrand für zwölf Euro. In der spärlich beleuchteten Hotelbar trinke ich Tequila und frage die Barkeeperin, ob sie schon mal in Acapulco gewesen sei. Überraschend bejaht sie und empfiehlt mir das Hotel Los Flamingos, das habe mal Tarzan Johnny Weissmüller gehört und nur 49 Dollar die Nacht gekostet, weil kaum noch jemand nach Acapulco fahre, aber sie habe es mega gefunden, auch wenn am zweiten Tag ein Mann am Strand erschossen wurde, aber als Tourist brauche man nichts fürchten, man habe ja nichts mit dem Drogenkrieg zu tun. Na ja, ­wende ich ein, solange wir alle Drogen konsumieren, haben wir auch alle mit dem Drogenkrieg zu tun. Sie sieht mich nachdenklich an, stochert mit dem Kuli in ihren kunstvoll aufgetürmten Haaren und fragt: „Und welche Drogen empfehlen Sie so ?“ Ich sehe auf die Uhr, mur­mele: „Sorry, aber in 30 Minuten lande ich in Mexiko“, und schwanke mit einer Flasche Tequila im Arm zurück in mein Zimmer.

Gut gelandet, schreibe ich Lars, lösche dann die Nachricht wieder, weil es den Empfänger so schön verrückt macht, wenn eine Nachricht wieder gelöscht wird. Prompt meldet sich Lars: „Bist du in Acapulco gelandet? Steig NICHT in ein Taxi auf der Straße!“ Ich erwidere nicht, gestatte ihm aber gnädig die blauen Empfangshäkchen als Beweis, dass wenigstens mein Telefon noch lebt. Ich staube den kleinen Kaktus ab, halte ihn und meine Haare in die gleißende, mexikanische Sonne der Nachttischlampe. Ich fotografiere meine rot verbrannten Schenkel und rechne aus, wann ich mir frühestens einen Sonnenbrand in Acapulco zuziehen kann. Das Hotel Los Flamingos sieht hübsch aus, mit freiem Blick aufs Meer, „schnellem Zugang zu den Klippenspringern“ und vielleicht auch schnellem WLAN, was man von meinem Hotel in Augsburg nicht sagen kann.

Ein fetter Vollmond steht am Himmel, er scheint jetzt auch in unser Schlafzimmer und auf den nackten Hintern von Lars, der immer und immer nackt und ohne Decke schläft, während ich Flanellpyjamas trage, mich einmummele und dennoch immer friere, außer Lars legt sich wie eine Heizdecke auf mich. Ich vermisse ihn ganz gegen meinen Willen, fotografiere den Mond und schreibe: „Auch hier scheint der Mond“, und obwohl es ein Uhr früh ist, schreibt er sofort zurück: „Um sechs Uhr abends?“ – „Caramba!“, rufe ich in mein leeres Hotelzimmer und tippe: „Die Sonne geht hier früh unter, du ewiger Klugscheißer.“

Am Morgen hämmert der Rezeptionist an die Tür und schiebt wortlos ein riesiges Paket herein, meinen Sombrero. Ich setze ihn auf und trinke schon zum Frühstück Tequila aus dem Zahnputzbecher, dazu höre ich den Uralthit „Loco in Acapulco“ in Endlosschleife und sehe aus dem Fenster in einen bleistiftgrauen Himmel. Bei dem Zeitunterschied von sieben Stunden kann ich Lars erst am Abend endlich die Fotos von Sonnenbrand, Kaktus und Sombrero schicken.

„Ich freu mich, dass du es schön hast“, schreibt er zurück und schickt mir ein blödes Kaktus-Emoji. Mit Sombrero auf dem Kopf gehe ich in die Hotelbar. Wortlos stellt mir die Barkeeperin eine Flasche Mineralwasser hin, sieht mir tief in die Augen und fragt: „Worauf warten Sie?“ – Ich versteh nicht. – „Fahren Sie doch endlich hin, an Ihren Sehnsuchtsort, nach Acapulco.“ – „Ich hab ’ne Sonnenallergie“, murmele ich.

Sie schickt mich in ein mexikanisches Restaurant in der Innenstadt, ich esse und fotografiere Burritos und Tortillas und Guacamole und mich selbst mit den Kellnern. Der Mond scheint hell in die Fußgängerzone, als ich zurück in mein blödes Hotelzimmer schleiche. Die Beule von der Kartoffel an meiner Stirn ist jetzt ein richtiges Horn, Lars hat sich ja auch gleich entschuldigt und gesagt, er habe es gar nicht so gemeint. Ich die Attacke mit dem Schrubber auch nicht. Wir haben uns nie gehauen, nie, und wenn, dann wäre ich mit Sicherheit schon wirklich in Acapulco. Ich schreibe „lo siento“, es tut mir leid. Und: „mi amor“. Er schreibt zurück „mi tesoro“, mein Schatz. Wir sprechen beide kein Spanisch. Mein Rollkoffer steht bereits gepackt an der Tür. Ich ziehe meinen Mantel an und setze den Sombrero auf. Die Barkeeperin macht gerade Schluss und wischt die Theke ab.

„Ich fahr dann mal los“, sage ich. „Grüßen Sie mir Acapulco“, sagt sie. Ich nicke.

„Du stinkst nach Tequila“, flüstert Lars in mein Ohr, als er mich in die Arme schließt. „Und wo ist dein Sombrero?“

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Normalerweise werden die vorgestellten Fundstücke gesondert aufbewahrt, damit ihre Besitzer sie doch noch finden. Der Sombrero aber war ein Karnevalsutensil für wenige Euro. Solche Fundsachen werden vom DB-Fundbüro nach wenigen Wochen entsorgt. Sie haben etwas im Zug oder am Bahnhof ver­loren oder gefunden? Den Fundservice der DB erreichen Sie unter bahn.de/fundservice
 

Die Autorin: Doris Dörrie

1955 in Hannover geboren, studierte sie in Kalifornien und New York Theater, Schauspiel und Film. Neben anderen Jobs arbeitete Doris Dörrie als Filmkritikerin und Redaktions­assistentin bei der „Süddeutschen Zeitung“. Sich auf nur eine Sache beschränken? Nicht ihr Ding. Sie dreht Filme, schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene, sowohl Romane als auch Sachbücher – und vieles davon ausgezeichnet. Dutzende Ehrungen listet ihr Lebenslauf auf, unter anderem 2019 die Ernennung zum Mitglied der Oscar-Academy. Sie lebt in München, wo sie seit 1997 als Professorin an der Hochschule für Fernsehen und Film unterrichtet und die Abteilung für Dramaturgie leitet. Ihr aktuelles Buch „Leben, schreiben, atmen“ (Diogenes) hält sich beständig auf der „Spiegel“-Bestsellerliste.