„Diese Krise ist der Impfstoff gegen Egoisten“

Artikel: „Diese Krise ist der Impfstoff gegen Egoisten“

Sie ist Europa-Fan – trotz allem: Im Titelinterview mit DB MOBIL erzählt die „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis vom Alltag in Zeiten von Corona, von ihrer schwierigen Kindheit und davon, warum gerade jetzt der Zusammenhalt auf unserem Kontinent so wichtig ist. Text: Katja Heer

Eins der hervorstechenden Merkmale der 44-Jährigen: ihr dunkles, schepperndes Lachen, mit dem sie sich oft selbst beim Erzählen unterbricht. Seit 16 Jahren ist Linda Zervakis im Fernsehen zu sehen, seit 2013 präsentiert sie die „Tagesschau“. Ihre Eltern kamen als Migranten aus Griechenland nach Deutschland, sie selbst wuchs in Hamburg auf und musste früh im elterlichen Kiosk mithelfen. Eine harte Schule fürs Leben, wie sie sagt. Arbeit, Schule und Feiern – an Schlafmangel hat Zervakis sich früh gewöhnt, das kommt ihr heute bei den Wechselschichten der „Tagesschau“ und als Mutter zweier kleiner Kinder zugute.

Als Nachrichtensprecherin stets seriös und gefasst, ist Linda Zervakis dennoch für ihre coolen Auftritte bekannt, ob während der Lesungen zu ihrem Buch „Königin der bunten Tüte“, bei denen sie Ouzo an die Gäste verteilen ließ, in den Videos der Hamburger Bands Deichkind und Beginner oder sambucatrinkend mit Ina Müller in deren Show „Inas Nacht“.

Ein paar Wochen nach dem Shooting. Alles ist anders. Corona ist endgültig in Deutschland angekommen, die Infektionszahlen gehen nach oben, das ganze Land macht dicht. Viele Menschen befinden sich in häuslicher Quarantäne. So auch Linda Zervakis, die mit ihrer Familie im Skiurlaub in Österreich gewesen ist. Zur Sicherheit bleibt sie nun 14 Tage in ihrer Wohnung in Hamburg.


Frau Zervakis, Sie sind gerade in freiwilliger häuslicher Quarantäne und unterhalten Ihre Fans mit einem Instagram-Video­tagebuch. Wie sieht Ihr Homeoffice sonst aus?

Tja, das gibt es leider nicht. Den „Tagesschau“-Gong könnte ich wohl noch abspielen, aber dann war’s das auch. Oder ich male selbst die Hintergrundbilder zu jedem Bericht und melde mich ganz zuschauernah von Wohnzimmer zu Wohnzimmer (lacht).

Wie vertreiben Sie sich und Ihren beiden Kindern, fünf und acht Jahre alt, die Zeit?

Mit Kindern hat man keine Langeweile. Es ist teilweise stressiger, als nur zu jobben. Ich muss mich um die Hausaufgaben kümmern, erklären, kontrollieren, an die Lehrer weiterleiten, Essen kochen, aufräumen, Wäsche waschen, weiter bespaßen, Spiele spielen... Das mache ich sonst auch, aber das mit der Schule on top hatte ich unterschätzt. Um 21 Uhr bin ich fix und fertig und falle kurz danach ins Bett.

Wie verhindern Sie, dass Sie und Ihre Familie sich gegenseitig auf die Nerven gehen?

Ich halte meinem Mann, einem NDR-Journalisten, den Rücken frei, weil er Homeoffice machen muss. Das ist vielleicht unser Glück, dass ich das nicht parallel machen kann. Ansonsten verlangt einem diese neue Krisensituation viel ab. Gerade wenn beide Partner von zu Hause aus arbeiten müssen, ist es fast unmöglich, auch noch entspannt auf seine Kinder aufzupassen.

Bald werden Sie wieder auf dem Bildschirm zu sehen sein. Als „Tagesschau“-Sprecherin müssen Sie stets gefasst bleiben. Wie schaffen Sie das in schwierigen Zeiten und bei besonders belastenden Nachrichten?

Indem ich mich ablenke. Zum Beispiel habe ich während der Berichte über die rassistischen Morde in Hanau nicht hingeschaut, als der Einspieler mit den Bildern lief. Ich hatte Angst, dass ich anfange zu weinen. Oder dass man es mir zumindest ansieht, wie erschüttert ich bin. Seitdem ich Kinder habe, bin ich total nah am Wasser gebaut.

Nachrichtensprecher wirken auf dem Bildschirm stets ernst und seriös. Worin unterscheidet sich Linda Zervakis in der „Tagesschau“ von Linda Zervakis im echten Leben?

Ich weiß, was im Fernsehen von mir verlangt wird, und ich kann das offensichtlich gut bedienen. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass ich auch privat ein sehr ernster Mensch sein muss und im Freundeskreis nur traurige Geschichten erzähle. Das wäre ja tragisch. Die offizielle Linda im Fernsehen ist wie meine Tarnkappe, die ich aufsetze, ich sehe im seriösen Blazer und mit sorgfältig geföhnten Haaren ganz anders aus als sonst. Deshalb erkennen mich die Leute auf der Straße oft nicht.

Werden Sie manchmal angesprochen?

Selten. Und wenn, dann sind es eher ältere Leute. Gelegentlich fragen zwar auch jüngere nach einem Selfie. Das ist aber meistens für ihre Eltern: „Die schauen dich so gerne …“ Die Jüngeren gucken ja oft kein Fernsehen mehr.

Aber Youtube. 2019 haben Sie im Video „Wer sagt denn das?“ von Deichkind mitgewirkt, unter anderem mit Rezo und Lars Eidinger. Wie kam es dazu?

Ich habe 2016 bei den Beginnern im Video zu „Es war einmal“ mitgemacht. Vielleicht deshalb. Als die Anfrage kam, habe ich mich jedenfalls sehr gefreut. Ich bin großer Fan. Ich mag die Texte und die Shows. Im Februar war ich auch beim Deichkind-Konzert in Kiel.

Welche Musik hat Sie noch geprägt?

Jamiroquai! Die Band habe ich mit 18 auf dem Jazzport-Festival bei den Deichtorhallen hier in Hamburg das erste Mal gesehen und gedacht: meine Entdeckung! Da hatten einige andere sie allerdings auch schon entdeckt...

Ihr Vater starb, als Sie 14 waren. Danach haben Sie und Ihre beiden Brüder Ihrer Mutter jahrelang geholfen, den Familienkiosk am Laufen zu halten. Konnten Sie überhaupt Dinge unternehmen, die Jugendliche in dem Alter so machen?

Nein, ich war ein Spätzünder, mit Ausgehen und Jungs ging es bei mir erst mit 17, 18 los. Das wäre vorher auch gar nicht möglich gewesen. Ich hatte genug im Kopf durch den Tod meines Vaters und damit, mich auf die Familie zu konzentrieren und gemeinsam den Kiosk zu retten.

Sie haben in Interviews erzählt, dass Sie früher hässlich gewesen seien. Koketterie?

Nein. Ich hatte krause Haare, zu einem Balken zusammengewachsene Bert-Augenbrauen, eine Brille, und ich war spindeldürr. Das hat sich erst nach und nach verändert. Ich habe mir ein Glätteisen für die Haare besorgt, die Brille durch Kontaktlinsen ersetzt und mir die Augenbrauen machen lassen. Vorher hatte ich zu große Angst davor – meine Mutter hat mich gewarnt: Wenn ich die einmal zupfe, wachsen sie umso stärker nach, und irgendwann ist alles voll davon. War aber nicht so. Die größte Veränderung kam allerdings durch H&M.

Hennes & Mauritz?

Ja. Meine Familie hatte kein Geld. Während die anderen Levi’s und Witboy getragen haben, waren es bei mir die Klamotten meines älteren Bruders, die ich auftragen musste. Als dann der erste H&M-Laden im Hamburger Hanseviertel aufmachte und ich hineinging, tat sich eine völlig neue Welt für mich auf: Alles sah gut aus, und es war bezahlbar. Endlich konnte ich coole Klamotten tragen, wenn wir auf dem Kiez ausgegangen sind.

Wie vertrugen sich Partys und Ihre Arbeit im Kiosk?

Ich bin mit Freundinnen bis vier Uhr rund um die Reeperbahn unterwegs gewesen, habe zwei Stunden geschlafen und bin mit meinem Bruder anschließend in die Metro zum Großeinkauf gefahren. Dort sind mir im Laufe der Zeit einige Großpackungen Cashewnüsse zum Opfer gefallen, als Frühstück. Danach ging es zur Schule oder später in die Werbeagentur. Ich habe mit 19 als Texterin gearbeitet. Sonntags hatte meine Mutter frei, da haben meine beiden Brüder und ich abwechselnd hinter dem Tresen gestanden.

Wollten Sie nie studieren?

Doch. Aber als ich mich nach der Schule entscheiden musste, studierte mein acht Jahre älterer Bruder schon. Mein anderer ist vier Jahre jünger als ich und ging noch zur Schule. Ich wollte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studieren. Aber hier in der Nähe, in Lüneburg, hätte ich wegen des Numerus Clausus vier Jahre lang warten müssen. In Berlin wäre das anders gewesen, aber das konnte ich meiner Mutter nicht antun – sie allein mit dem Kiosk lassen. Und als Texterin habe ich dann gutes Geld verdient.

Den Job haben Sie allerdings gekündigt, um ein unbezahltes Praktikum beim Radio zu machen. Warum?

Meine Mutter hat mich für verrückt erklärt. Aber ich wollte etwas Neues ausprobieren. Und schauen, ob ich es zum Fernsehen schaffe. Viele sind vom Radio zum Fernsehen gekommen, weil man zumindest früher beim Radio eine Sprecherziehung mit Sprachtrainer erhalten hat. Da lernt man, weniger Zischlaute von sich zu geben, Endungen nicht mehr zu vernuscheln und leiser zu atmen.

Was hat Sie am Fernsehen gereizt?

Ich habe immer davon geträumt, irgendwann auf dem Bildschirm zu sehen zu sein. Obwohl ich schüchtern war, stand ich schon in der Schule gerne auf der Bühne und war Mitglied in der Theater-AG. Ich hatte kein großes Selbstbewusstsein, weil ich nicht gut aussah. Vielleicht habe ich das dadurch kompensiert: Auf der Bühne stehen und Menschen schauen mir zu. Außerdem habe ich damit den Traum meiner Mutter verwirklicht. Sie wollte Schauspielerin werden, musste aber zurückstecken hinter ihrem Bruder, der studieren sollte. Es war nicht genug Geld für eine zweite Ausbildung übrig. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie vor Freude und Aufregung weinen musste, als sie mich das erste Mal im Fernsehen beim Verlesen der „Tagesschau“ gesehen hat.

Haben Sie nie erwogen, Schauspielerin zu werden?

Doch. Ich habe sogar Schauspielunterricht genommen und bin von Schule zu Schule getingelt, Hamburg, Hannover, Bochum und Leipzig. Ich habe es jedes Mal in die Endrunde geschafft, danach aber, glaube ich, in der letzten Runde nicht 100 Prozent gegeben. Das ist mir erst im Nachhinein klar geworden. Ich habe gemerkt: Ich bin nicht diejenige, die mit einem Koffer von Theater zu Theater tingelt und vorspricht. Das muss man ja als Schauspielerin wieder und wieder. Ich brauche einen gewissen Grad an Sicherheit. Deswegen habe ich es gelassen.

Sie haben zunächst die regionalen NDR-Nachrichten moderiert, danach das „Nachtmagazin“ in der ARD. Seit Mai 2013 präsentieren Sie die „Tagesschau“, als erste Sprecherin mit Migrationshintergrund, wie es oft hieß.

Dass das auf einmal Thema war, kam für mich völlig überraschend. Für mich hatte das vorher nie eine Rolle gespielt. Doch als ich bei der „Tagesschau“ anfing, bekam ich von den Medien auf einmal diesen Zusatz aufgedrückt, wie einen Stempel im Reisepass: Du bist anders. Zwar eine von den Guten, weil integriertes Gastarbeiterkind, aber anders. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Haben Sie sich vorher nie wegen Ihrer Herkunft ausgegrenzt gefühlt? Immerhin wurden Sie als Kind in der Schule Tzaziki genannt.

Solche Spitznamen waren damals normal unter uns Kindern, wie Brillenschlange oder Zervelatwurst. Das hatte für mich keinen rassistischen Hintergrund. Ich finde, es gibt in dieser Hinsicht inzwischen eine gewisse Überempfindlichkeit. Es ist natürlich gut, dass man darauf achtet, aber vieles muss man aus der Situation betrachten. Ich habe das nie als Beschimpfung aufgrund meiner Herkunft empfunden. Und als Erwachsene kann ich mich nur an ein Gespräch erinnern, in dem ich Alltagsrassismus erlebt habe.

Was war das für eine Situation?

Ich kam von einer Frühschicht beim NDR und war auf dem Weg nach Hause, müde und blass, als mich ein Paar angesprochen hat. Die beiden wollten nach dem Weg fragen. Aber erst mal hat die Frau zu mir gesagt: „Kön-nen Sie uns ver-steh-en?“ So ganz überdeutlich und laut. Ich wusste gar nicht, was die meinte, und antwortete: „Ja, klar, Sie haben ja keinen Akzent.“ Und die Frau: „Nein, wir meinten Sie, Sie sehen so dunkel aus.“

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe das nicht kommentiert und ihnen den Weg erklärt. Als ich das Kennzeichen sah, habe ich gedacht, nicht aus Hamburg, nun gut. In der Provinz gibt es eben noch weniger von solchen wie mir (lacht).

Fahren Sie noch oft nach Griechenland?

Ich besuche ungefähr alle zwei Jahre die Verwandten meiner Mutter – sie ist eins von vier Geschwistern, und jedes Mal, wenn ich dort bin, taucht gefühlt ein neuer Cousin oder eine neue Cousine auf, das sind insgesamt bestimmt 50.

Haben Sie schon als Kind Griechenland besucht?

Ja, auch etwa alle zwei Jahre. Das war damals eine Weltreise. Wir sind mit dem Zug oder mit dem Auto gefahren und waren circa drei Tage unterwegs, von Hamburg bis nach Thessaloniki. Da bekommt man ein Gefühl für Entfernungen...

Welche Erinnerungen haben Sie an diese Reisen mit der Bahn?

Es fühlte sich an wie ein großes Abenteuer. Wir waren ja als Familie schon fünf Leute und haben dadurch fast ein ganzes Abteil belegt. Aber auch der sechste Platz blieb nie frei. Es war damals derart voll in den Zügen, dass die Menschen in den Gepäcknetzen über unseren Köpfen im Abteil lagen, auf dem Flur sowieso. Im damaligen Jugoslawien sind ganz oft Menschen mit Hühnern eingestiegen. Viele hatten Körbe voller Eier und Essen dabei. Und wir mussten meist stundenlang an den Grenzen warten, in sengender Hitze. Dass man das heute nicht mehr muss, ist eine große Errungenschaft Europas.

Wenn Sie momentan auf Europa schauen, was denken Sie?

Die Stimmung hat sich massiv verschlechtert, überall nimmt der Nationalismus zu. Aber trotzdem möchte ich die Europa-Hoffnung nicht aufgeben. Das sieht man ja auch in Zeiten von Corona. Deutschland hat Patienten aus Frankreich und Italien aufgenommen. Die einzelnen Staaten müssten sich nur etwas mehr zusammenreißen und nicht jeder sollte stur sein eigenes Ding machen. Das ist wie beim Aufbauen eines Regals. Schafft man das besser zusammen oder allein? Zusammen!

Die Verdrossenheit ist zurzeit ziemlich groß. Da sitzen Leute eher um das unfertige Regal herum und schimpfen.

Ich glaube, uns geht’s zu gut. Das ist wie in einer Beziehung. Wenn es eine Weile gut läuft und man sich des anderen zu sicher ist, fängt man an, sich zu langweilen und zu meckern. Es hat aber auch viel mit Politikern zu tun. Die agieren oft zu abgehoben. Sie müssen nahbarer werden, die Politik verständlicher. Dann holt man auch die Leute ab. Vor allem die jungen.

Wie soll das gehen?

Ich habe zum Beispiel im Februar bei der Hamburgwahl gedacht, wie wenig volksnah das Ganze ist. Da werden Plakate mit großen Sprüchen aufgehängt, aber ist das noch zeitgemäß? Wenn junge Menschen vor allem Youtube schauen und Influencern zuhören, sollten Politiker vielleicht auch mehr mit solchen sprechen und dort Interviews geben.

Und das reicht?

Außerdem sollte man den Leuten an ganz praktischen Beispielen klarmachen, wie sehr sie von der Europäischen Union profitieren. Zum Beispiel durch das Roaming. Spricht keiner mehr drüber. Oder dass man nicht mehr wie früher nervig Geld umtauschen muss und beim Rücktausch viel weniger bekommt. Oder die offenen Grenzen.

Die jetzt, in der Corona-Krise, jedoch alle dichtgemacht werden mussten...

Richtig so. Ich glaube, dass man so eine Pandemie nur durch einen rigorosen Shutdown eingrenzen kann. Auf Freiwilligkeit zu setzen bringt leider nichts. Das hat sich bei den Hamburger Schulferien gezeigt. Da waren Familien in Tirol Ski laufen, und als bekannt wurde, dass diese Urlauber sich im Risikogebiet aufhielten, sind sie einfach woanders nach Österreich gereist. Schließlich hatte man sich ja zwei Wochen Urlaub genommen. Das ist nur ein Beispiel, wie egoistisch einige Menschen sind.

Wie schaffen wir es, als Europäer gestärkt aus dieser Krise herauszukommen?

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat das sehr schön zusammengefasst: „Die Corona-Krise greift das zentrale Nervensystem der Populisten an. Ihre Destruktivität, Konzeptlosigkeit und Inkompetenz sind für jedermann sichtbar. Die Demokratie, der freiheitliche Rechtsstaat versagt eben doch nicht, wenn es darauf ankommt.“ Ich finde, das sagt sehr viel aus.

Ist ein enger Zusammenhalt jetzt noch wichtiger als vor der ­Corona-Krise?

Vielleicht ist diese Krise der Impfstoff gegen Egoisten. Ich habe, je ernster die Krise wurde, sehr viel Solidarität mitbekommen – zumindest, was Freunde im In- und Ausland, Bekannte, Nachbarn und Kollegen angeht. Diese Hilfsbereitschaft zu sehen ist einfach schön. Und die Egoisten? Mögen sie auf ihren Klopapierrollen ausrutschen.

Im August erscheint Ihr neues Buch, für das Sie nach Griechenland gereist sind, unter anderem in ein Dorf bei Thessaloniki, die Heimat Ihrer Mutter. Was haben Sie dort gesucht?

Meine Wurzeln. Ich wollte herausfinden, was ich eher bin, Griechin oder Deutsche.

Und, was sind Sie?

Weder noch. Ich bin Europäerin. Hört sich etwas hochtrabend an, ist aber so. Ich bin in Deutschland geboren, bin mit deutschen Ritualen und Werten groß geworden. Gleichzeitig haben meine Eltern mit mir Griechisch gesprochen und mir auch griechische Werte vermittelt, zum Beispiel, dass wir Ostern größer feiern als Weihnachten. Und wenn ich in Griechenland bin, ist meine griechische Mentalität sofort abrufbar, da muss ich mich nicht ein, zwei Tage akklimatisieren. Ich finde es schön, dass ich das beides in mir habe. Ich habe ja auch beide Staatsbürgerschaften.

Was an Ihnen ist typisch deutsch, was griechisch?

Mein Temperament ist griechisch. Und statt sich bei einem feinen Essen beim Besteck von außen nach innen zu arbeiten, sitze ich lieber in einer großen, lauten Runde, und jeder tunkt sein Stück Brot in Olivenöl auf einem Teller in der Mitte des Tisches. Ich mag aber die deutsche Verbindlichkeit. Wenn man in Griechenland etwas abmacht, heißt das nichts, hierzulande schon. Auch Pünktlichkeit und ein geregelter Straßenverkehr haben viele Vorzüge.

Im Sommer bringen Sie einen Podcast raus. Worüber wollen Sie mit Ihren Gästen in „Gute Deutsche“ sprechen?

Ich werde mit Prominenten über ihre Migrationsgeschichte sprechen. Wie ist es, wenn man hier zum Beispiel immer der Italiener ist, in dem Land der Eltern aber als Deutscher abgestempelt wird? Wie wichtig sind die eigenen Verbindungen in das Land, aus dem die Eltern kommen? Und: Wo gibt es eigentlich den leckersten Schnaps?

Sie sind seit 16 Jahren beim Fernsehen tätig. Wie lange wollen Sie das noch machen?

Das weiß ich nicht. Auch wenn man es meiner Karriere vielleicht nicht ansieht: Wie so viele Menschen bin ich immer hin- und hergerissen zwischen zwei Extremen. Einerseits habe ich Existenzängste in mir, seitdem ich denken kann. Andererseits habe ich nie dementsprechende Pläne für meine berufliche Zukunft gemacht. Vielleicht sind das die zwei unterschiedlichen Seelen in meiner Brust. Es kann sein, dass ich irgendwann einen Rappel kriege und mich für zu alt fürs Fernsehen halte. Oder ich mache den Job noch 20 Jahre, wer weiß.

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DB MOBIL-Redakteurin Katja Heer tauschte mit Linda Zervakis Erinnerungen ans frühere Hamburger Nachtleben aus. Sie fanden eine Gemeinsamkeit: das „Komet“. Sie kamen allerdings nicht mehr darauf, wie der grüne Spezialschnaps der Kneipe im Dunstkreis der Reeperbahn hieß.

HARTE HAMBURGERIN

  • Geboren im Sommer 1975 in Hamburg als Kind griechischer Gastarbeiter. Der Vater arbeitet als Schweißer. Als er seinen Job verliert, übernimmt die Familie einen Kiosk.
  • Ihr Vater stirbt, als Linda Zervakis 14 ist. Fortan müssen sie und ihre beiden Brüder im Laden helfen. Zervakis arbeitet dort bis sie Ende 20 ist. Dann geht die Mutter in Rente.
  • Nach dem Abitur jobbt sie als Texterin in einer Werbeagentur, macht ein Praktikum beim Radio und landet schließlich als Nachrichtenmoderatorin beim Fernsehen.
  • Seit Mai 2013 präsentiert sie die 20-Uhr-„Tagesschau“. Damit wird ein Traum wahr. Weil es in ihrer Kindheit nur drei Programme gegeben habe, seien Nachrichtensprecher für sie so etwas wie Götter gewesen, sagte sie einmal.
  • Auch sonst aktiv: Zervakis trat in den Videos der Hamburger Bands Beginner und Deichkind (Foto unten) auf. Sie hat bisher ein Buch herausgebracht: „Die Königin der bunten Tüte“. Ihr zweites über ihre griechische Herkunft erscheint im Sommer, genauso wie ihr Podcast „Gute Deutsche“.