Innovationen

Acht Köpfe für die Zukunft

»Das kann nicht angehen«, könnte ihr Motto lauten. Oder »Irgendwas geht immer«. Acht Menschen machen sich über die Lösung von Umweltproblemen Gedanken – mit Erfolg.

Können Politiker und Wirtschaftsunternehmen, Behörden und engagierte Organisationen es gemeinsam schaffen, Energievergeudung, Umweltbelastung und Klimawandel zu stoppen? Vielleicht. Doch sie können es gewiss nicht allein – was sie brauchen, ist zusätzlich Ideenreichtum und Fachwissen, Engagement und neues Denken. Und davon gibt es im Land genug. Viele Menschen tragen etwas dazu bei, die Probleme zu lösen. Wir stellen beispielhaft acht Personen vor, die in ihrem Bereich aktiv geworden sind.

 

Zauberwort Bainit

Clevere Materialwahl: Lars Lücking hat einen optimierten Stahl für Bahnschienen entdeckt.

Für ihn gibt es das tatsächlich: Seit Lars Lücking auf den Dreh gekommen ist, die im bundesdeutschen Schienennetz besonders stark beanspruchten Weichen aus einem anderen Stahl herzustellen, gingen auf Versuchsstrecken Verschleiß­erscheinungen und Instandhaltungsaufwand deutlich zurück. »Dank Bainit«, sagt der Diplomingenieur der DB Netz AG. »Dieser Stahl hat eine höhere Dauerfestigkeit, ist aber ebenso elas­tisch wie Normalstahl.« Bis zu deutlich über 100000 Tonnen Belastung muss eine Weiche täglich aushalten. Beim Einsatz von Bainit ergaben die Versuche nur minimalen Verschleiß.
Der 35-Jährige ist stolz darauf, was er und sein achtköpfiges Team gemeinsam mit der DB Systemtechnik erreicht haben. »Wir helfen nicht nur, dass es weniger Instandhaltungsaufwand gibt, die Züge  also wie geplant fahren können und weniger Kollegen draußen auf Baustellen an der Gleisstrecke arbeiten müssen. Wir helfen auch der Umwelt: Eine Weiche aus Bainit hält mindestens doppelt so lange wie die aus herkömmlichem Material. Der Materialaufwand und die hohe Energie, um Stahl herzustellen, können so reduziert werden«.
Lücking kann seine Sachkenntnis auch künftig einsetzen: Er arbeitet weiterhin an der Integrierten Technologiestrategie [ITS] der Deutschen Bahn mit dem Ziel Nachhaltigkeit mit.

 

Kluges Berechnen

Licht aus: Britta Hilts Software hilft, Energie effizienter einzusetzen.

Zuerst hat sie viel gesprochen – dann hat sie gehandelt. Als diplomierte Schulungsreferentin war Britta Hilt lange für eine große Softwarefirma im internationalen Einsatz und ermittelte dann als Beraterin Optimierungsmöglichkeiten mithilfe der angebotenen Computerprogramme. Hauptaugenmerk dabei: Wie können Vorgänge effektiver gesteuert werden?
Mit einer solchen Aufgabe ließe sich gewiss ein zufriedenes Berufsleben füllen. Doch nach 16 Jahren war Britta Hilt nach einem Wechsel zumute. »Ich wollte noch mal was Neues, Spannendes aufbauen und mein Know-how einbringen, um vielleicht ein bisschen die Probleme dieser Welt lösen zu helfen.« Zusammen mit ihrem Kollegen Richard Martens gründete sie daher in Saarbrücken die Firma IS Predict und entwickelte die selbstlernende Software »Energy Intelligence Solution«, die den Energieverbrauch misst, Vorgänge vorausberechnen kann und auf diese Weise hilft, Material und Energie optimal einzusetzen. »Hotels zum Beispiel können damit automatisch Heizung und Klimaanlage in Zeiten herunterregeln, wenn die Gäste nicht da sind, und sparen zehn bis 15 Prozent Energie«, erklärt die Unternehmensgründerin. Und ist stolz, dafür 2011 mit dem Darboven-Idee-Förderpreis für junge Unternehmerinnen ausgezeichnet worden zu sein. Den Innovationspreis IT 2011 gab es für sie außerdem.

 

Realistische Träumerin

Grüne Vision: Katja Wiese organisiert Naturschutz weltweit – per Social Media.

Man muss sich Katja Wiese wie ein kleines Mädchen vorstellen, das bei Fahrten über Land hinten im Auto sitzt und sich die Nase am Fenster plattdrückt, wenn Pferde auf einer Koppel stehen. »Ich wollte schon als Kind Land kaufen, damit Tiere Platz haben«, sagt sie. Wiese hat diesen Traum nicht nur behalten, sondern wahr gemacht. »Es gibt heute einen ungeheuer großen zerstörerischen Druck auf Naturflächen«, sagte sie. »Und zugleich erholt sich die Natur schnell, wenn man sie sich selbst überlässt.« Darum gründete sie Naturefund: Diese kleine Organisation – außer der Initiatorin gehören nur eine Handvoll Menschen dazu – sammelt per Internet und über Social-Media-Kampagnen Geld und erwirbt dafür Land, um es unter Schutz zu stellen, weltweit. »Wir fragen die Menschen vor Ort, wovon sie träumen. Und fast immer ist es die unberührte Natur. Solche Projektpartner muss man nicht erst moti­vieren!«, sagt die 44-jährige ehemalige Unternehmensberaterin. Naturefund vernetzt engagierte Menschen und arbeitet auch mit Firmen zusammen, denn »die sind stärker als die gemeinnützigen Organisationen«, hat Katja Wiese gelernt. Mehr als eine halbe Million Quadratmeter Land wurden erworben und gesichert, gut 100000 Bäume gepflanzt. So können auch Spender ein wenig träumen, »aber Naturefund macht es für jeden überprüfbar, wohin das Geld geht.«

 

Klare Sache

Bürste mit Spannung: Marian Wilks Wasserreinigungstechnik HTS arbeitet mit Strom.

Mit Wasser hatte er schon immer zu tun. Als Koch lernte Marian Wilk den Wert sauberen Wassers kennen, machte dann als Niederlassungsleiter und später als Unternehmer mit dem Verkauf von Reinigungssystemen auch praktische Erfahrungen in diesem Bereich. Erfahrungen, die ihn zum Umdenken brachten: »Durch den Zusatz von Chemikalien oder Salzen wird Wasser nicht wirklich sauber«, sagt Wilk voller Überzeugung. »Außerdem wird dabei die Umwelt und Gesundheit belastet.« Doch damit hatte er sein »Betätigungsfeld gefunden, das innere Zufriedenheit gibt« – nämlich in der Wasserreinigung neue Wege zu gehen. 2004 begann Marian Wilk in seiner Firma Aqon Water Solutions in Alsbach an der Bergstraße mit der Suche nach Verfahren, wie Wasser ohne Chemie und Salz sauber werden kann, und stieß schließlich auf ein Vorgehen, das Schmutzwasser mit Hochspannung zu behandeln. In jahrelangen Versuchen entwickelte Wilk dann sein HTS-Verfahren [High Tension System, also Hochspannungssystem] praxisreif.
»Hochfrequente elektrische Felder verändern das Wasser dahingehend, dass partikuläre Verunreinigungen mit herkömmlichen Filtern optimal entfernt werden können. Auch die mikrobiellen Belastungen werden gesenkt«, erklärt der 57-Jährige das Verfahren. »HTS entkeimt, entölt, entpartikelt und enthärtet Wasser«, das anschließend überall einsetzbar ist. Sicherheitshalber ließ Wilk sein Verfahren vom Fraunhofer Institut IGB kritisch testen – die erfolgreiche Funktionsweise wurde attestiert. »Nun kann man mit dem HTS-System überall dort auf der Welt Wasser reinigen, wo es Strom gibt – mehr braucht man dazu nicht, und die Umwelt wird dabei geschont.« Das Spektrum reicht von Kleinanlagen für den Ein-Personen-Haushalt bis zu industriellen und gewerblichen Großanlagen.

 

Überzeugter Organisator

Seine Erkenntnis kam im Urlaub: Als Maximilian Gege 1979 das Buch »Ein Planet wird geplündert« von Herbert Guhl las, stellte er nach seiner Heimkehr die Weichen neu: Er wollte nicht mehr so weiterarbeiten wie zuvor. Sein Chef willigte ein, die Produktion der Hamburger Firma für Diamantwerkzeuge umweltverträglicher zu gestalten, was Gege übernahm. Und er lernte viel über Energieeffizienz und Ressourcenschonung. Was im quasi eigenen Betrieb funktionierte, müsste doch auch anderswo klappen, sagte Gege sich. Und gründete 1984 den Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management [B.A.U.M. e.V.], dem heute fast 600 Firmen angehören. Maßgebliches Ziel ist die Aufklärung über Energieeffizienz und dass sich Investitionen in diesem Bereich nicht nur lohnen, sondern dass sie überlebenswichtig sind – für die Firmen und für unsere Welt.
Maximilian Gege ist ein Visionär: Noch immer ist der 77-Jährige unermüdlich unterwegs, spricht mit Behörden, Firmen, Kommunen und wirbt für Nachhaltigkeit. Als Gutachter ist seine Expertise ebenso gefragt wie als Mitglied im Klimarat der Bundesregierung. Seiner Urlaubslektüre sei Dank.

 

Kurs auf die Sonne

Solarkapitän: Tom Geiger fährt jeden Sommer mit Sonnenkraft über den Bodensee.

Wer in Reichenau die Fähre ins schweizerische Mannenbach besteigt, fährt nicht nur über den Bodensee – er fährt auch in die Zukunft. Zumindest, wenn Tom Geiger das Ruder führt. Denn der 55-Jährige betreibt hier eine Solarfähre. Natürlich, sagt der innovative Kapitän, war das ein langer Weg, ehe alle behördlichen Bedenken und Einwände überwunden waren. Doch Geiger blieb hartnäckig und schippert nun pro Passage mit bis zu zwölf Perso­nen und 500 Kilo Akkus an Bord übers Wasser, getrieben von der Kraft zweier 5-Kilowatt-Elektromotoren – und der Energie aus den Solarkollektoren auf dem Dach. »In der vergangenen Saison habe ich den See 2000 Mal überquert und dafür nur für 30 Euro Strom zutanken müssen«, sagt Geiger. Wer sagt da noch, dass Fahren mit Sonnenstrom nicht geht? »Okay«, gibt Geiger zu, »abendliche Charterfahrten brauchten für weitere 40 Euro Strom, »aber bei Dunkelheit gibt es halt zu wenig Sonne.«

 

Von Lösungen erzählen

Man kann das Rad immer wieder neu erfinden – oder von anderen lernen, sagte sich Hans-Henning Doerr. Und er wollte die Frage seiner Kinder vermeiden, warum niemand etwas gegen Umweltzerstörung und Klimawandel unternommen habe. So nahm sich der 52-jährige Heidelberger Unternehmensberater [»natürlich im Bereich erneuerbare Energien«] ein Jahr Auszeit und entwickelte die Website www.peopleforfuture.com: »Wir wollen die Menschen mit Beispielen begeistern und zeigen, wie auch der normale Bürger etwas tun kann«.
Verständnis schaffen und Tipps geben – das soll das Internetforum. Und helfen, dass wir irgendwann einmal wieder sorgloser leben können. »Das kann klappen – meine Vision ist, dass es dafür noch nicht zu spät ist«, sagt Doerr überzeugt.

 

70 Prozent weniger Tonerpulver

Sparprogramm: Mit der Software von Ecodoc brauchen Drucker deutlich weniger Tonerpulver.

Fast könnte sein Name Programm sein: Denn die Stärke der Idee von Florian Stärk ist die Einfachheit. Während verschiedener Praktika erlebte er als Student mit, wie in den Büros fast überall die Drucker pausenlos im Einsatz waren – eine Ressourcenvergeudung ersten Ranges. Trotz Recyclingpapier blieb Unbehagen, denn das Tonerpulver der Drucker ist giftig. Stärk beriet sich mit zwei Berliner Kommilitonen und ließ dann die Software »Ecodoc« entwickeln, mit der Drucker bis zu 70 Prozent des schwarzen Staubes sparen. Ohne größere Qualitätseinbußen im Schriftbild. Reich werden will Stärk mit seiner Idee nicht. Das Programm kostet für Privatnutzer knapp 20 Euro für die lebenslang aktualisierbare Version. Und vom Erlös geht jeweils ein Euro an einen gemeinnützigen und sozialen Zweck.

Text: Kay Dohnke
Objektbau: Katrin Rodegast für mobil