Bildende Kunst

»Jeder Punkt ist ein Individuum«

Für seinen Beitrag auf der documenta [13] erhielt Thomas Bayrle 2012 den Arnold-Bode-Preis. Aus Anlass einer Werkschau in Brüssel sprach mobil in Frankfurt am Main mit dem Künstler über Klischees der Massengesellschaft, seine Liebe zu Zuggeräuschen – und darüber, was einen Rosenkranz mit dem Automotor verbindet.

Installation aus den Wandbildern »Carmageddon« [2012, links] und »Flugzeug« [1982, rechts] und sieben laufenden Automotoren.

Zugreisen verbringt Thomas Bayrle am liebsten im Gang, das Gesicht an der Scheibe, den Blick nach unten auf die Schienen gerichtet. Und was sieht er da? »Eine braune Masse, die vibriert, und unzählige Schwellen, die im immer gleichen Abstand aufblitzen, was einen Rhythmus scheinbar unendlicher Wiederholungen vorgibt. Das ist aufregend und einlullend zugleich und erinnert mich an Minimal Art«, sagt er. Das Spannendste sei doch gerade dieses großartige Langweilige, weil in seinen Augen genau da­raus das Leben besteht: »Aus Atemzügen, aus Herzschlägen, aus Sekunden, die jede für sich einzigartig sind, weil sie sich nie wiederholen. Sie sind zwar alle ähnlich, aber nie gleich.«

Der bodenständige hessische Singsang und seine sanfte, unprätentiöse Art bewahren solche poetischen Einlassungen Bayrles vor jedem Pathos. Wenn der 75-Jährige voller Begeisterung über seinen Blick auf die Welt spricht, klingt das wie die Einladung, in den Gedankenstrom mit einzutauchen und ein Beitrag zu sein. Zwischendurch bestreicht er Vollkornbrote fingerdick mit Leberwurst [»Alles Bio!«] und brät Spiegeleier mit Kartoffeln, die er und seine Frau in einem umgebauten Bahnhof nahe Frankfurt selbst anbauen.

Konsumprodukte wie Telefone und Maggi-Flaschen

Sich dem Rhythmus einer Maschine anzuschmiegen war für den Künstler schon mit 18 Jahren eine Überlebensstrategie. Damals arbeitete er an einer ebenso beeindruckenden wie infernalisch laut, monoton ratternden technischen Errungenschaft, die sein Bild von der »Welt als ein Gewebe« prägte: Vor dem Webautomaten, an dem aus 80 000 Kett- und ebenso vielen Schussfäden ein Quadratmeter Stoff entstand, habe er begriffen, dass »alle Fäden Individuen sind, Straßen und Leitungen einer riesigen Stadt. Wenn ich vor dieser Maschine stand, war mir, als ob vor meinen Augen Los Angeles entstehen würde.«

Thomas Bayrle zählt zu den wichtigen Vertretern der deutschen Pop-Art. In seinen humorvollen, teils seriell anmutenden Arbeiten, in Form von Objekten, Siebdrucken, Grafiken, aber auch Tapeten und Regenmänteln, widmet er sich seit den 60er-Jahren den Mechaniken der Massengesellschaft und verwendete als Motive Konsumprodukte wie Telefone und Maggi-Flaschen. Eine seiner berühmtesten Arbeiten ist »Mao«, ein motorisiertes Holzobjekt, das aus unzäh­ligen bemalten Holzmännchen besteht, die sich nach Betätigung eines Hebels zum Konterfei Mao Zedongs oder zu einem roten Stern formieren.

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