»Einige tragen die Hölle in sich«

Mit seinem neuen Roman »Ostfriesenmoor« knüpft Krimi­autor Klaus-Peter Wolf an seinen Anspruch an, milieusichere Porträts friesischer Charaktere zu liefern.

Herr Wolf, Ihre Ostfriesenkrimis werden als Kultkrimireihe bezeichnet. Wie erklären Sie sich den enormen Erfolg dieser Bücher?

Erst einmal bin ich natürlich sehr glücklich darüber. Meine Kriminalromane leben von den inneren seelischen Konflikten der Protagonisten. Ihre Zerrissenheit spiegelt wider, was die Menschen in sich selbst kennen. Krimis enthalten mehr Wirklichkeit als jede andere fiktionale Literatur. Deshalb müssen sie milieusicher sein, und der Autor sollte sich an den Orten des Geschehens bestens auskennen. In Kriminalromanen wird immer die Wahrheit gesucht, und man gibt sich nicht mit einfachen Lösungen zufrieden. Das tut den Menschen gut.

Ihre Krimis spielen hauptsächlich in Ostfriesland, gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Ich nutze die Schönheit der Landschaft, um dort gruselige Verbrechen begehen zu lassen. Meine Vision ist, wenn man alle meine Kriminalromane nebeneinanderlegt, wird man ein riesiges Mosaik der heutigen Gesellschaft und der Seelenzustände in ihr haben. Jeder Roman ist, wenn sie so wollen, ein Puzzlestück dazu.

Was reizt Sie am Schreiben von Kriminalromanen besonders?

Kriminalromane erzählen von den Abgründen der menschlichen Seele, von dem Riss, der durch die Gesellschaft geht. Über fremde Länder, zum Beispiel über Schweden oder die USA, habe ich viel mehr aus Kriminalromanen erfahren, die dort geschrieben wurden, als durch soziologische Fachliteratur. Außerdem waren die Kriminalromane im Regelfall auch unterhaltsamer und visionärer. Leider orientieren sich viele neue Romane und Filme hauptsächlich an der Handlung und glauben uns damit zu fesseln. Das halte ich für falsch. Meine Bücher leben von den handelnden Charakteren. Und alles, was geschieht, passiert aus ihrem Inneren heraus. Einige tragen die Hölle in sich, und wenn sie ausbricht, ist sie da.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Ihrer Hauptfigur Ann Kathrin Klaasen?

Ja, sehr viele. Sie ist zwar eine Frau und jünger als ich, hat aber einen vergleichbaren Lebenslauf. Wie ich kommt sie aus Gelsenkirchen, hat lange in Köln gewohnt und ist Wahl-Ostfriesin. Sie ist ein ganz normaler Mensch und hat Probleme, die wir alle haben. Sie kämpft mit Hautproblemen, mit Gewichtsproblemen, mit ihrer Eifersucht und mit Versagensängsten. Vielleicht hat sie deshalb so viele Fans.

Man erzählt sich, dass Sie Ihre Romane mit dem Füller schreiben. Stimmt das?

Ja, ich leiste mir diesen Luxus. Meine Kollegen sagen deshalb: Der Klaus-Peter Wolf ist der letzte Dinosaurier. Ich liebe meine Arbeit, und ich mache sie so, wie sie mir am meisten Spaß macht. Ich schreibe also mit dem Füller auf gutes Papier. Später tippt meine Mitarbeiterin Annette Liebrenz alles ab und schreibt mir ihre Kommentare dazu. Dann beginnt ein neuer Arbeitsprozess. Ich verändere und überlege neu. Die nächste Fassung lese ich dann laut vor, um in den Sprachfluss zu kommen. Was dann entsteht, probiere ich schon gerne bei Lesungen aus, bevor meine Lektorin, Andrea Diederichs, alles kritisch überprüft. Die beiden sind für mich so etwas wie Testleser, Sparringspartner, die mich vor Fehlern bewahren.

Beim Lesen hat man das Gefühl, es gebe viele Figuren Ihrer Romane wirklich …

Das stimmt ja auch. Zum Beispiel den Maurer Peter Grendel und seine Frau Rita oder den Journalisten Holger Bloem. Es sind Freunde von mir, und ich habe sie gefragt, ob ich sie fiktionalisieren darf. Im Roman sehen sie aus wie im Leben, sie heißen so, sie reden so und deshalb wirken sie so echt, obwohl sie nie bei der Aufklärung eines Mordfalls mitgewirkt haben.

Wird die Ostfriesen-Krimireihe weitergehen?

Während wir hier reden, läuft in Ostfriesland ein Mörder herum, und ich bin ihm dicht auf den Fersen – das heißt: Ja, die Reihe wird weitergehen. Ich habe mir gerade einen neuen Füller gekauft …

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