Mit ihren Büchern möchte sie das Genre des gefühlvollen Frauenromans in Deutschland beleben. Autorin Sofie Cramer über die Wichtigkeit der eigenen Wurzeln, die Inspiration durch romantische Landschaften und glaubwürdige Figuren.
Sie haben in Ihren vorherigen Romanen persönliche Erfahrungen verarbeitet. War das bei »Der Himmel über der Heide« auch so?
Abgesehen davon, dass wir beide aus der schönen Lüneburger Heide stammen und irgendwann nach Hamburg gegangen sind, gibt es eigentlich keine Parallelen zwischen meiner Protagonistin Kati und mir. Allerdings macht Kati Erfahrungen, die so oder so ähnlich wohl jeder Mensch macht: Ein Schicksalsschlag entpuppt sich im Nachhinein als Chance, weil die Persönlichkeit daran wächst und die Seele heilt. Um sich selbst zu verstehen und seinen Weg zu finden, ist es sicher hilfreich, seine Wurzeln zu kennen und sich mit allem, was in der Vergangenheit liegt, zu versöhnen. Und für mich ist und bleibt die Lüneburger Heide ein Ort, an dem man sich besonders gut erden kann. Es gibt dort zahlreiche Plätze, die so einsam und still sind, dass man sein Inneres »hören« und ein Stück weit zu sich selbst finden kann.
Lüneburger Heide, da denkt man ein bisschen an Heimatfilme der 50er-Jahre. Ist das nicht etwas altmodisch?
Das sehe ich ganz anders! Die Einzigartigkeit dieser zeitlos anmutenden Landschaft ist meiner Meinung nach wie geschaffen als Kulisse für melodramatische Geschichten. Allerdings können diese für mich nur funktionieren, wenn die Figuren im Hier und Jetzt leben. Natürlich begeistern sich noch immer vor allem ältere Leute für die blühende Landschaft in der Hochsaison. Aber auch bei jungen Menschen und Familien steht die Heide das ganze Jahr über mittlerweile hoch im Kurs: Zum einen wegen des stetig erweiterten Angebots an Sporteinrichtungen, Freizeit- und Ferienparks; zum anderen wegen der wachsenden Sehnsucht nach Ruhe und innerer Einkehr, die diese einsame Landschaft völlig altersunabhängig stillt. Ich hoffe jedenfalls, das Experiment in meinem Roman ist aufgegangen: mit einer modernen Heldin, die nach und nach ihr Herz für die verloren geglaubte Heimat öffnet – und das nicht, obwohl sie lange Zeit in einer Großstadt lebt, sondern eben genau deswegen.
Was hat Sie beim Schreiben inspiriert? Gibt es in Ihrer Familie auch einen Gasthof?
Obwohl ich nicht auf einem typischen Heidehof aufgewachsen bin, weiß ich, was es heißt, auf dem Land groß zu werden. Durch diese autobiografische Perspektive stellten sich mir beim Schreiben diverse Fragen: Wie wichtig sind die eigenen Wurzeln? Wie sehr prägt eine so beschauliche Heimat wie die Lüneburger Heide? In der Anonymität einer Großstadt ist man ja ein Gesicht wie 1000 andere, auf dem Dorf ist man eines mit 1000 Geschichten.
Millionen deutsche Leserinnen haben die Cornwall- und Schottland-Romane von Rosamunde Pilchergelesen. Glauben Sie, die Zeit ist nun reif für gefühlvolle Frauenromane aus deutschen Landen?
Ich glaube sehr daran, dass diese Stoffe auch in deutschen Landstrichen funktionieren können, solange man die Leser ernst nimmt. Der beeindruckende Erfolg von Rosamunde Pilcher und Co. zeigt ja, dass große Gefühle und eine romantische Umgebung eine starke Kombination sind. Und in Sachen Romantik steht die norddeutsche Heide nicht hinter der schottischen oder südenglischen Küste zurück. Allerdings versuche ich mit meinem neuen Roman diesem Genre nicht nur ein neues, moderneres Gesicht zu geben. Auch die emotionalen Verstrickungen innerhalb der Familie meiner Protagonistin wollte ich so authentisch wie möglich beschreiben. Kati wirkt zunächst wie ein sehr aufgeschlossener, fröhlicher Mensch. Erst im Laufe der Geschichte wird klar, dass sie hinter ihrer Fassade ein schmerzhaftes Geheimnis aus der Vergangenheit hütet, das unmittelbar mit ihrer Heimat verbunden ist. Doch die Geborgenheit und Schönheit ihres Heimatorts gibt ihr letzten Endes den nötigen Halt, damit ihre Wunden endlich heilen können. Wenn diese Tiefe den Leser berührt, bin ich meinem Anspruch gerecht geworden. Mir geht es beim Lesen jedenfalls so: Je authentischer eine Figur in ihrer Geschichte, ihrer Herkunft verhaftet ist, desto einfacher kann ich mit ihr bangen, trauern oder glücklich sein. Insofern liegt es doch im wahrsten Sinne nahe, dieses Genre nach Deutschland zu holen.




